18. November 2009

Die "Homo-Ehe" ist in Österreich gelandet


Zur gestrigen - wenig überraschenden - Entscheidung des Ministerrats zum Thema "Homo-Ehe".

"Nicht mehrheitsfähig" seien weitreichendere Zugeständnisse innerhalb der ÖVP, versuchte Innenministerin Fekter zu argumentieren, weil so ist das eben in Verhandlungen: was nicht "mehrheitsfähig" ist, das kann auch nicht zur Debatte stehen. Dabei ist diese "Mehrheitsunfähigkeit" natürlich ein exogener Faktor, nicht beeinfluss- und somit nicht verhandelbar.
So sieht das scheinbar nicht nur der Koalitionspartner, der zähneknirschend zum gefühlten 954. Mal umfällt (was tut denn eigentlich mehr weh? Ein ums andere Mal Watsch'n kassieren oder spüren wie der Zahnschmelz immer mehr zerrieben wird? Oder neutralisiert das eine Gefühl das andere? Oder sind diese Gefühle gar erwünscht?), sondern auch zahlreiche Verfechter der vollkommenen Gleichstellung von Homosexuellen in allen Bereichen. Die HOSI hat schon vor mehreren Tagen die Linie vorgegeben, viele andere haben sich ihre Erwartungen und somit Forderungen ebenso runterlizitieren lassen, wie zahlreiche Reaktionen auf das heute beschlossene zeigen. Wodurch die altbewährte Strategie der ÖVP abermals Früchte getragen hat: schon von Anfang an den Verhandlungsspielraum dermaßen stark eingrenzen, dass der dergestalt zermürbte Verhandlungspartner objektiv gesehen dürftige Ergebnisse als subjektiv empfundenen Erfolg betrachtet. "Besser als gar nix" eben.

Dabei war man noch vor 2 Jahren bass erstaunt, als Pröll im Rahmen seiner Tätigkeit in der von ihm geleiteten "Perspektivengruppe 2010" vorgeblich revolutionäre Ideen von sich gab, auch in Bezug auf die "Homo-Ehe". Jetzt weiß man definitiv, was all die kühnen Ideen und Vorschläge letztendlich wert waren. Eine interessante "Perspektive", die man da puncto Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit serviert bekommt.

In all den - von den Verhinderern und Gegnern gewollten - Grabenkämpfen über letztlich lächerliche Aspekte eines absoluten Unrechtszustands geht der Blick fürs wesentliche verloren: dieser "Kompromiss" hat den einzigen Zweck, Nicht-Heteros zu schikanieren. Man weiß, dass man langfristig ohnehin keine andere Wahl hat, als eine Gleichstellung zu bewerkstelligen; aber wenn man dies schon nicht verhindern kann, so kann man's doch ein bisserl verzögern und sticheln wo's nur geht. Daher die geheuchelte Salzamt-Lösung. Und so kommt es dann, dass zwar keine Zeremonien "auf dem Standesamt" zugelassen werden, sehr wohl aber Zeremonien "in den Räumlichkeiten des Standesamtes". Reinster Kindergarten, nur damit man als selbst empfundener und sich als solcher gerierender moralischer Kompass das Gesicht wahren und dem eigenen Hardcore-Klientel das ganze als Erfolg verkaufen kann. Auch um den Preis, dass jetzt zahlreiche andere Gesetzestexte (über 80 an der Zahl) mühseligst zurechtgeflickt werden müssen.

Der Frust der Gegner ist aber da. Und er sitzt tief. Ein jeder auch nur halbwegs in der Realität verwurzelte Mensch hat schon längst erkannt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz einer vollwertigen "Homo-Ehe" in Österreich weitaus höher ist als es die sich als Deutungshoheit-Hoheiten verstehenden Proponenten aus ÖVP und vor allem Kirche wahrhaben wollen und können. Es bedarf nicht erst Umfragen wie dieser hier um zu merken dass die Gesellschaft - wie in vielen anderen Bereichen auch - ihren Politikern um Längen voraus ist.

Man merkt ja auch oft gleich im Gespräch mit stark oder zumindest latent homophoben Menschen, dass ihre argumentative Basis äußerst schwachbrüstig ist - wenig verwunderlich, handelt es sich doch um ein Ressentiment. Es ist ein leichtes, die verschiedenen Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen und das ganze Vorurteilsgebilde mit einem leichten Stubser zu Fall zu bringen.

Die Ehe als Privileg einer auf Fortpflanzung ausgerichteten Partnerschaft? Sollen also alle Heteros mit einem ihre Zeugungsfähigkeit bestätigenden Attest aufkreuzen müssen ehe sie getraut werden dürfen? Oder muss dann ab einem bestimmten Alter, wenn man keine Nachkommen mehr zeugen kann oder will, die Scheidung eingereicht werden?


"Die "Homo-Ehe" entwertet das Institut der Ehe". Was das jetzt Tachles bedeutet? Funkstille. Warum jetzt die Ehe eines Hetero-Ehepaars dadurch in ihrer Wertigkeit herabgesetzt wird, dass sich ein paar Kilometer weiter gerade zwei Homosexuelle das Ja-Wort im Rahmen einer Zeremonie im/auf/neben/unter dem Standesamt gegeben haben, das vermag niemand anhand konkreter Fakten begreiflich zu machen. Es sagt aber sehr viel über die eigene Sicht der Ehe dieser Menschen aus. Sind sie tatsächlich so verunsichert bezüglich sich selbst und ihrer eigenen Partnerschaft, dass sie die Ehe von zwei anderen Menschen (sei sie subjektiv gesehen noch so unnatürlich) in ihren Grundfesten erschüttert? Hat die "Homo-Ehe" die (Aus)Wirkung einer in eine Voodoo-Puppe gestochenen Nadel, die dazu führt, dass alle Hetero-Ehepaare lautstark aufschreien, zu Boden fallen und sich vor Schmerzen wälzen? Sind das die "unabsehbaren Folgen für die ganze Gesellschaft", von denen in der jüngsten Presseerklärung der österreichischen Bischofskonferenz die Rede ist?

"Homosexualität ist nicht natürlich. Gott schuf Adam und Eva, etc, blabla."? Warum kennt die Tierwelt dann so viele Beispiele gleichgeschlechtlichen Verkehrs?

In diesem Artikel wird das Phänomen Homophobie ziemlich gut beleuchtet und auch einige äußerst plausible Erklärungsansätze geliefert. Vielleicht sollten sich das auch jene Wirrköpfe zu Gemüte führen, die auf dieser von Bischof Laun eingerichteten Petition die Crème de la Crème der Kommentare ablassen, à la

"Homosexuelle Paare unterstützen die Todeskultur. Diese Verbindungen sind in Gottes Augen ein Gräuel"
"Sind die anständigen Bürger unseres Landes wirklich so schwach daß sie sich von der Schwulenszene mundtot machen lassen? Warum sagt keiner daß Schwule geistig krank sind und eigentlich in geschlossene Anstalten zwecks Heilung eingewiesen werden sollten? Die Leute im biblischen Sodom und Gomorrha waren ganz offensichtlich homosexuell und wurden daher vernichtet. Dasselbe wird uns auch blühen. AIDS ist der Anfang."
"Es ist nicht gerechtfertigt, dass jede Meinungs- bzw. Neigungsminderheit Privilegien auf Kosten der Allgemeinheit herauspolitisiert. Wenn dies zum Erfolg führt, kann sich jede Lobby bestätigt fühlen das selbe zu tun.. Z.B. Autorasen legalisieren..., Alkohol auf Krankenschein..., Zigaretten gratis..., oder viel Schlimmeres (Pronographie, Neonazismus,....)- den Ideen werden ja leider keine Grenzen mehr gesetzt... Meine Alternative: Geben wir Gottes Ordnung wieder mehr Raum in unserm Leben!"
Es wäre jetzt auch viel zu billig (wenn auch rechtens), auf die Kindesmissbrauchs-/Porno-/Homosexualitäts-(vulgo "Bubendummheiten-)skandale der katholischen Kirche (der österreichischen wohlgemerkt) zu verweisen.

Vielleicht hätte auch eine dezent-pointierte Kampagne wie diese hier etwas gebracht. Vielleicht auch nicht.

Der gestrige Beschluss ist natürlich ein Schritt nach vorne. Es war schon längst an der Zeit, vor allem wenn man sich die anderen EU-Länder ansieht, die zwar keinen Alfons Haider als schwulen Schwiegersohn der Nation, dafür aber fortschrittlichere Gesetze im Bereich der Gleichstellung von Homosexuellen ihr Eigen nennen dürfen. Aber es hätte mehr sein können, nein: müssen. Und die kleingeistigen Kasperliaden der ÖVP im Hinblick auf die auf Entwürdigung und Verhöhnung abzielenden, und in Gesetzestext gegossenen Sticheleien sprechen ohnehin für sich.

PS: Nein, ich bin nicht schwul. Wird man immer wieder gefragt wenn man sich in Diskussionen zu diesem Thema entsprechend positioniert. Man ist auch kein Asylwerber wenn man sich für die Rechte selbiger einsetzt und kein Tibeter wenn man Mitglied einer "Free Tibet!"-Facebook-Gruppe ist.

PPS: Der Begriff "Homo-Ehe" ist für meine Begriffe ein ziemlich verunglückter. Er scheint sich aber im öffentlichen Diskurs sowohl bei den Gegner als auch bei den Befürwortern durchgesetzt zu haben.

PPPS: Dies war der erste Beitrag auf diesem innerhalb kürzester Zeit aufgesetzten Blogs. Schaut einiges noch nach Stückwerk aus. Wird sich ändern.

Photo credits: 96dpi + basykes

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