15. Dezember 2009

Junge Gamer und Social Media


Letzte Woche veröffentlichte Sascha Lobo eine Replik zu Frank Schirrmachers Beitrag zu den gesellschaftlichen Auswirkungen des digitalen Medienwandels. Ein ausgezeichneter Text, absolut lesenswert und viele Argumentationsstränge zusammenfassend und auf den Punkt bringend, die in den letzten Monaten im deutschsprachigen Raum für einen regen öffentlichen Diskurs gesorgt haben. Hier auf helge.at übrigens eine (mittlerweile nicht mehr ganz aktuelle) Zusammenfassung dieser Debatte in Österreich.

Weniger ausgezeichnet war die Wahl des Bildes, das den Beitrag auf Spiegel-Online schmückt. Da prangt ein Bild mit mehreren jungen Menschen, die sich augescheinlich bei einer LAN-Party vergnügen.. Bildtitel: "Besucher der Leipziger Games Convention: Ein Schulfach Interneterziehung heute dringend geboten".

Ich weiß jetzt nicht wer dieses Bild und den dazugehörigen Bildtitel ausgesucht hat. Aber der Zugang ist ein grundlegend falscher und suggeriert einen Zusammenhang, den es so nicht gibt und höchstens als Klischee in den Köpfen zahlreicher Menschen seine Existenzberechtigung findet. Tatsächlich scheint sich bei vielen Leuten der Irrglaube festgesetzt zu haben, jemand der a) jung ist und/oder b) viel Zeit mit Computerspielen verbringt, der müsse auch besonders bewandert in den Gefilden der hochkomplexen Web2.0-Welt sein. Bullshit. Total.

Nur weil jemand spielenderweise viel Zeit vor dem PC verbringt heißt das noch gar nix. Und nur weil jemand etwas jünger ist sagt das noch lange nichts über dessen Fähigkeit aus, sich im Universum der Tweets, Feeds und dem Web2.0 generell zurecht zu finden. Vor allem letzteres entspricht nicht einmal ansatzweise der Realität. Zumindest nicht der österreichischen. Zwar zeigen sich die Jungen (und hierunter verstehe ich jetzt mal ganz salopp und willkürlich - ist hier mein gutes Recht - die 15- bis 22-jährigen) heutzutage äußerst aktiv wenn es um Facebook (bzw dem aufgrund technologischer Rückständigkeit demnächst sicherlich aussterbenden StudiVZ), MSN-Messenger (der aber auch zunehmend vom bockigen und äußerst fehleranfälligen Facebook-Chat unter Druck gesetzt wird), Skype und dergleichen geht; aber das war's auch schon. Nur: Fotogallerien durchstöbern, Wall Posts verfassen und Status Updates kommentieren/liken macht aus diesen Digital Natives noch lange nicht jene Internet-Elite, die die Grundfesten der Gesellschaft zu erschüttern vermag, und die automatisch dazu beitragen werden dass sich die alte Gatekeeper-Medien-Elite vor Angst in die Hosen wird machen müssen. Diese Digital Natives sind nämlich bei genauerer Betrachtung relativ konservativ in ihrem Internet-Nutzungsverhalten.


Twitter schon ausprobiert? "Nein, ich bin doch nicht so jemand der die ganze Welt wissen lassen will was er grad macht und wo er grad ist", so könnte man den Grundtenor der Antworten auf eine solche Frage zusammenfassen. Dass Twitter das zur Zeit beste Tool zur Real Time-Information zu allen möglichen Themen darstellt: unbekannt. Dass Twitter (neben RSS) eines der geeignetsten Mittel ist, um gezielt relevante Informationen zu einem bestimmten Themengebiet zu erhalten: unbekannt. Dass Twitter eine ungemein effiziente Plattform zur transparenten Führung eines Diskurses ist: unbekannt. Dass es nicht einmal einer Registrierung und einer Anmeldung eines Accounts bedarf um beispielsweise die Real Time-Suche zu verwenden: unbekannt. etc etc.

Selbiges gilt 1:1 für die Gamer. Ich kenne mehrere Gamer (und ich beschränke mich hierbei bewusst auf PC-Gamer und spare somit Konsolen aus). Sie weisen überdurchschnittliche PC-Kenntnisse auf und sind oft sehr geübt wenn es um Hardware geht. Computer zusammenbasteln ist ihnen ein Leichtes, beste Kenntnisse wenn es um die richtigen Komponenten geht üblich. Beste Koordinationsfähigkeiten innerhalb eines Spiels via VoIP und natürlich all jene Geschlichkeits-Skills, die die regelmäßige Spielerei mit sich bringt. Alles toll, aber daraus eine spezielle Neigung bzw ein besonders stark ausgeprägtes Gefühl für jenes neuartige Instrumentarium abzuleiten, das in immer stärker werdendem Ausmaß seine disruptive Wirkung entfaltet und dadurch die Old School-Informationsstrukturen gehörig durcheinanderwirbelt, das ist schlichtweg Blödsinn.

Hier geht es darum, Informationen in einem größeren Zusammenhang zuordnen zu können, die Skills zu haben die es einem erlauben schnell darüber zu entscheiden ob eine Information relevant ist oder nicht und nicht überfordert zu sein in einer Welt, die uns aufgrund der überbordenden Masse an von unterschiedlichsten Quellen zur Verfügung gestellten Informationen mit sehr viel Noise überschüttet, wo es dann darum geht innerhalb eines adäquaten Zeitraums die richtige Nadel in einem Nadelhaufen zu finden.

Im übrigen gilt dieses falsche Schubladisierung auch für ähnlich anfällige Gruppen wie zB TU-Studenten oder IT-Spezialisten.

Eine von billigen Klischees befreite Herangehensweise an diese Thematik tut Not. Denn wenn man tatsächlich sowas wie eine "Interneterziehung" haben will, dann sollte man auch wissen wovon man redet und nicht vorurteilsbehaftete Pseudo-Zusammenhänge kreieren, die zwar der breiten Masse einleuchtend erscheinen, jedoch nicht wirklich etwas mit der Realität zu tun haben.

Photo credits: compujeramey + curiouslee

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