20. Oktober 2010

Justitia: Finishing Move gegen Bandion-Ortner

Über den desolaten Zustand der österreichischen Justiz habe ich schon mal geschrieben. Natürlich sollte der Beitrag damals nicht ein allumfassendes Sündenregister der Judikative darstellen, sondern einfach nur ein paar paradigmatische Beispiele für einen grundlegenden Dauerzustand aufzeigen. Über viele andere Geschichten hätte es sich ja ebenfalls zu schreiben gelohnt. Über so süße Herzigkeiten wie die Forderung nach einer eigenen Fahrspur konnte man ja noch geflissentlich hinwegsehen. Das private Treffen mit Grasser-Anwalt Ainedter, bei dem sich letzterer über die fiese Behandlung seines Mandanten durch die Justiz (Chuzpe³) beschwerte, sorgte halt für eine leicht schiefe Optik, die Pisa die Touristen streitig zu machen geeignet wäre; aber es gilt halt - für alle Seiten (/Zeiten?) - die Unschuldsvermutung!

16. Oktober 2010

FPÖ-Wahlerfolg und andere Déjà-vus

Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler
- Ingeborg Bachmann

Oktober. Die SPÖ gewinnt die Wahlen, die ÖVP verliert den 2. Platz an die FPÖ, letztere erreicht laut ersten Ergebnissen 27 Prozent (dank Wahlkarten werden's dann im Endeffekt 26,xx%). Ermöglicht wurde dies durch eine Kombination aus angstschürender Hetze, populistischer Radaupolemik bar jedes inhaltlichen Beitrags, sowie eines jugendlich wirkenden, zugkräftigen wie charismatischen Parteivorsitzenden. Hinzu kamen traditionelle Großparteien, die es ihrerseits verabsäumt hatten, im Wahlkampf auf die für die Wählerschaft tatsächlich relevanten Themen zu setzen und sich fürderhin von den Freiheitlichen in ein von Haus aus nicht zu gewinnendes Rennen um die "ausländerfeindlichste" Politik zerren ließen, indem sich zum Beispiel eine dieser beiden Großparteien dazu anschickte, via beinharten Law&Order-Getues vonseiten des Innenministeriums die FPÖ rechts zu überholen.

24. Juli 2010

Facebook so groß wie die EU - Eine Zwischenbilanz zwischen Mythen und Realität

Facebook und EU, die beiden haben natürlich nicht wirklich was miteinander gemeinsam. Außer eben die Tatsache dass sie quasi zeitgleich (bei der EU ist das wohl nicht so punktgenau messbar wie bei Facebook) die 500 Millionen-User/-Bürger-Marke überschritten haben. Ist halt ein lustiger Zufall. Mehr nicht.

Aber es ist schon recht interessant, sich einmal die Dimensionen des relativ jungen sozialen Netzwerks anhand eines derartigen Vergleichs vor Augen zu führen. Natürlich ist dabei nicht nur die schiere Zahl imposant; viel beeindruckender ist die Art und Weise, wie Facebook unser aller (bzw unser meister) Leben verändert hat. Es hat, schleichend aber doch, unsere Informations- und Kommunikationsprozesse und -Verhaltensweisen maßgeblich beeinflusst.

6. Juli 2010

Antisemitismus als Brückenbauer für gespaltene Persönlichkeiten

[Dieser Beitrag ruhte jetzt etwa 2 Wochen in der Blog-Pipeline, war schon zu 80% fertig, ist Zeitmangel und Vergesslichkeit zum Opfer gefallen, und wurde heute durch zwei Artikel wieder in Erinnerung gerufen]

Der Feind meines Feindes ist mein Freund - Zitat
Der Feind meines Feindes ist mein Freund, auch wenn er ebenfalls mein Feind ist, aber weniger als der andere Feind - Zitat Ergänzung

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie facettenreich Antisemitismus sein kann. Sei es etwas scheinbar banales wie der Song Contest (hier der vieldiskutierte Beitrag im MARXblog) oder der Besuch eines österreichischen Politikers bei  den lästigen Shoa-Überlebenden; sei es der Zwischenfall rund um die Gaza-Flottille und einen Haufen nützlicher Idioten, die sich vor den Propagandakarren vernichtsungsantisemitischer Islamisten haben spannen lassen; auf der Suche nach ihrem Ressentiment Genugtuung verschaffenden Manifestations- und Kanalisierungsmöglichkeiten waren Antisemiten noch nie besonders wählerisch.

1. Juli 2010

"Österreich ist frei?" - Der Tod von Hans Dichand und der österreichische Hang zum Autoritarismus

Ja, es geht zum Teil um den Tod des Hans Dichand. Aber nur vordergründig. Anlass für diesen Beitrag ist die jüngste Veröffentlichung folgender "Autoritarismus"-Studie, die zwar den Zeitraum 2004-2007 abdeckt, was jedoch nicht wirklich problematisch erscheint, da sich eine solche Studie auf Einstellungsmuster und Verhaltensweisen bezieht, die nur äußerst langfristig einer Veränderung unterliegen. Die Ergebnisse schlagen natürlich in die selbe Kerbe wie die vor einem Jahr publizierte Wertestudie.

Es hat mich sehr gejuckt und noch mehr gekribbelt. Ich hätte ja gern was schreiben wollen nach dem Tod des Alten von der Muthgasse, vor allem da er einer der maßgeblichsten und prägendsten Figuren Österreichs in den letzten Jahrzehnten war. Über seine faktische Macht, die vielen unerklärlich schien und die im Endeffekt nichts anderem als einem "Des Kaisers neue Kleider"-Phänomen entsprang. Seine Laissez-Faire-Attitüde im Hinblick auf antisemitische Tendenzen (da fallen mir gleich ein paar Ergüsse von Wolf Martin - der übrigens Wolfgang Martinek heisst, aber pfui deibl, klingt natürlich zu ausländisch - ein, Stichwort "ausgeschwitzt"), das bewusste Schüren von Angst, die aktive Forcierung eines hetzerischen Klimas gegenüber Minderheiten. Seine verklärende Sichtweise der Nazizeit (ohne jedoch die Nazis verherrlichen zu wollen, immerhin). Das Totschweigen des Kirchen-Missbrauchsskandals. Da gibt's noch vieles mehr.

31. Mai 2010

Eurovision Song Contest - Über Geschmack lässt sich nicht streiten

"Über Geschmack lässt sich nicht streiten - man hat ihn oder man hat ihn nicht" - Zitat Ich 

Da sag doch mal einer, der ORF würde seinen Bildungsauftrag vernachlässigen. Ich befinde mich zwar nicht in der Position, diesbezüglich ein besonders berücksichtigungswertes Urteil zu fällen, habe ich mir doch vor knapp 3 Jahren ein TV-Verbot auferlegt (mit einigen wenigen, punktuellen Ausnahmen, wie zB bestimmte Informationssendungen, ARTE und dergleichen; Serien sowieso, das ist jedoch ein anderes Thema), aber wenn der ORF Samstag abend nicht den Eurovision Song Contest ausstrahlt und stattdessen den Musikantenstadl bringt, dann kann angesichts der Alternative zweifellos von einem qualitativ hochwertigen Abendprogramm gesprochen werden.

29. Mai 2010

Gogol Bordello - Hinweggefegt vom Zigeuner-Tornado

Es war ja nicht das erste Mal. Dieses ist schon länger her, Herbst 2005, in der Arena. Ein Freund hatte mich ein paar Monate zuvor auf diese Band mit dem belustigenden Namen aufmerksam gemacht, ein Name, der so lächerlich klingt, dass man das ganze von Haus aus nicht so recht ernst nehmen will. Aber um Ernsthaftigkeit sollte es bei dem Ganzen ohnehin nicht gehen, wie ich später merken sollte.

Die Hörproben des damals aktuellen Albums "Gypsy Punks Underdog World Strike" wussten dann jedoch sehr zu gefallen und liefen dann zwar nicht in Dauer-Rotation, nisteten sich aber beharrlich auf meiner Playlist und am MP3-Player ein.

Dann kamen Gogol Bordello nach Wien, und nur durch Zufall erfuhr ich noch am Tag des Konzerts von selbigem. Irgendwie kamen ich und ein paar Leute dann doch zu Karten, und so fanden wir uns in einer ausverkauften Arena-Halle wieder und warteten gespannt darauf ob die Live-Performance mit den Studio-Versionen mithalten würde können.

Was dann kam versetzte mich (für die anderen vermag ich jetzt nicht zu sprechen, das Gefühl müsste aber ein ähnliches gewesen sein) anfangs in eine totale Schockstarre. Im positivsten aller nur möglichen Sinne.

15. Mai 2010

HTC Legend - Test (powered by A1)

Seit langem wollte ich sowas schon. Ein Smartphone. Ein gutes. Nur von Apple durfte es nicht sein. Das hat zahlreiche Gründe, die hier aufzuzählen müßig wäre, die sich aber im Grunde genommen auf die nicht meinem Geschmack entsprechende Geschäftspolitik des Unternehmens herunterbrechen lassen. Ich mag geschlossenen Systeme nicht. Ich mag den Kunden entmündigende Systeme nicht. Ich sehe nicht ein warum sowas läppisches wie ein Batteriewechsel bei Apple wie ein Servicefall gehandhabt wird (= Gerät einschicken, ggfalls ein Vermögen blechen), warum man keinen stinknormalen 3,5mm-Klinkenstecker verwenden dürfen soll, warum man in willkürlich-diktatorischer Art andere aussperrt, seien es nun Apps oder eine ganze Technologie wie Flash. Eine derartige Einschränkung der Wahlfreiheit wird zwar die meisten nicht stören, mich allerdings schon. Im übrigen ist das Iphone das unbestritten schlechteste Gerät am Markt wenn es um die theoretisch grundlegende Funktion eines Smartphones geht, nämlich dem Telefonieren.

21. April 2010

Antisemitismus vs. Verhetzung

An ziemlich prominenter Stelle wurde heute in allerlei Onlinemedien über den Fall jenes 46-jährigen Wieners berichtet, der in einem Krone-Forum unter anderem gemeint  hatte dass "die Juden wie 1938 vergast" bzw. "in Buchenwald und Dachau an die Wand gestellt" werden sollten. Dafür fasste er nun vor Gericht neun Monate bedingter Haft aus.

Das Problem an der Berichterstattung zu diesem Thema: die verantwortlichen Journalisten sind scheinbar einer beachtlichen Fehlleistung zum Opfer gefallen. Die neun Monate Haft gab es nämlich nicht - wie man allerorts lesen konnte - wegen "Antisemitismus", denn dieser ist kein Straftatbestand. Wäre dies nämlich der Fall, dann wäre die österreichische Online-Forenlandschaft so gut wie tot, wie - nimmt man diese paradigmenhaft als Beispiel her - zahlreiche Postings zu diesem Urteil schließen lassen.

Blinde Kuh Justitia

Wer kennt sie nicht, die nette junge Dame, ausgestattet mit einem Richtschwert, einer Waage und einer ihre Augen bedeckende Augenbinde?

Sieht man sich einmal kurz die österreichischen Justiz an, dann besteht eigentlich relativ wenig Bedarf an diesen 3 Utensilien, die ja in der Theorie "verdeutlichen sollen, dass das Recht ohne Ansehen der Person (Augenbinde), nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage (Waage) gesprochen und schließlich mit der nötigen Härte (Richtschwert) durchgesetzt wird" (so Wikipedia).

13. April 2010

Soup.io - Auf der Tumblelog-Suppe dahergeschwommen

Facebook, Twitter, Blogs, etc. Die letzten Jahre haben zahlreiche neuartige Intrumente das Licht der Online-Welt erblicken lassen, die die bestehenden Kommunikations- und Informationsstrukturen maßgeblich beeinflusst und verändert haben. Dabei hat jedes dieser Tools eine eigene Ausrichtung, könnte man jedes nach unterschiedlichsten Kriterien kategorisieren.

Ich spiel mich ja gerne mit diesen Sachen, und daher habe ich mir zusätzlich zu meinen bisherigen Distributionskanälen einen weiteren zugelegt: einen Tumblelog.

5. April 2010

Wien

Vor einigen Tagen postete ich an dieser Stelle ein Video welches die schönen Seiten dieser Stadt auf besonders künstlerische und eindrucksvolle Art und Weise einzufangen vermochte. Dabei war dieses Video vom Produzenten eigentlich nur dazu gedacht, das Kamera-Equipment auszutesten. Dennoch erhielt das Video bei mir auf Facebook ein vielfaches an Likes und positiven Kommentaren im Vergleich zu diesem, kurze Zeit später geposteten. Sardonisch meinte ich zu einem Bekannten: kein Wunder, in dem Video gibts fast keine Wiener, und wenn, dann nur in einer Statistenrolle in der sie zum Kuschen verdammt sind; unter diesen Umständen käme man doch nicht umhin, Wien zu mögen.

Gestern führte ich, unabhängig voneinander, zufällig 2 Gespräche mit 2 Israelis: der eine lebt schon lange in Wien, der andere ist hier "nur zu Besuch".

2. April 2010

"Vienna is not Beijing" - 4 to 7 A.M short

Auch wenn man dieser Stadt zuweilen überdrüssig werden kann (und muss).


"Vienna is not Beijing" - 4 to 7 A.M short from Johnnie Behiri on Vimeo.

17. März 2010

Nahost-Berichterstattung des ORF

Nahostkonflikt, Israelis gegen Palästinenser, Krawall und Remmidemmi... Wen kümmern da schon ein paar jämmerliche Details? Hier ein Vergleich der Nahost-Berichterstattung zwischen der Spät-ZIB und der kurze Zeit später ausgestrahlten ZIB2.



In Jerusalem ist es zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei gekommen, es gab Verletzte auf beiden Seiten. Die radikal-islamische Hamas hat den heutigen Tag aus Protest gegen die jüngsten Siedlungspläne Israels zum "Tag des Zorns" erklärt.



In Jerusalem sind bei schweren Unruhen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei rund 100 Menschen verletzt worden. Die radikal-islamische Hamas hatte zu einem Tag des Zorns aufgerufen. Hintergrund ist die erneute Einweihung einer jüdischen Synagoge am Tempelberg.

Innert kürzester Zeit hat sich also der Grund für den "Tag des Zorns" radikal geändert. Zuerst waren noch die Siedlungspläne Schuld an den Unruhen, in der nächsten Nachrichtensendung die Einweihung einer jüdischen Synagoge (diesen Pleonasmus muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) am Tempelberg. Am Tempelberg?

Tatsächlich befindet sich die Hurva-Synagoge im jüdischen Viertel der Stadt, in rund 400m Entfernung zur Al-Aksa-Moschee.


Größere Kartenansicht

Journalistische Sorgfalt sieht anders aus.

13. März 2010

Über Lügen und "kluge Wähler"

"The bigger the lie, the more they believe"
Bunk, The Wire, Staffel 5, Episode 1

In der gestrigen Ausgabe des Standard empörte sich Alexandra Föderl-Schmid über Politiker, die ohne Genierer ihr Wahlvolk belügen, und schwang sich am Ende ihrer durch verschiedene Beispiele der jüngeren Vergangenheit gespickten Argumentation zur Feststellung hoch, ebendieses Wahlvolk wäre "klüger, als Politiker glauben" und empfindet es als "erstaunlich, für wie dumm manche Politiker die Bürger halten und nichts dabei finden, die Wähler zu belügen".


Ich begreife diese Verwunderung nicht. Solch Rehäuglein-mäßige Naivität hätte ich mir an dieser Stelle nicht erwartet.


Klar lügen Politiker was das Zeug hält. Klar ist ein Großteil des Wahlvolks dumm und vergesslich. Und wenn Föderl-Schmid ins Treffen führt, dass die Menschen doch Zeitung lesen und dadurch immun gegen allerlei Flunkereien sein müssten, dann ist das nichts anderes als deontologische Unbedarftheit, die mit der Realität (vor allem der österreichischen, durch 3 Millionen Krone-Leser geprägten) rein gar nichts zu tun hat.


Das "Wahlvolk" lässt schon seit Jahr und Tag Unwahrheiten sanktionsfrei über die Bühne gehen. Und bettelt regelrecht darum, auch weiterhin belogen zu werden. Dieses Jahrzehnt begann schon mit einer der größten politischen Lügen der Zweiten Republik: "Wenn wir Dritter werden, gehen wir in Opposition", ihr folgten weitere nonchalante Lügen sonder Zahl und dennoch keine Konsequenzen. Die folgenden Regierungen waren da nicht besser, man erinnere sich an die zahlreichen "Umfaller" Gusenbauers, die im Endeffekt seine unzähligen Wahlversprechungen zur Gänze pervertiert haben. Das System Haider in Kärnten lebte ausschließlich vom Täuschen und Tarnen. Aber genauso wie wirtschaftliche und politische Skandale in Österreich in der Regel wenig Aussicht auf Aufarbeitung haben, genauso lässt das achso clevere, aufgeklärte und nichts vergessende "Wahlvolk" seine politischen Verantwortlichen gewähren. Bei vollkommen "dummen" und in ihrer Gesamtbedeutung banalen Pseudo-Themen à la Eberau und Arigona wird die Sensorik sogleich aktiviert; geht es jedoch um Steuererhöhungen (bzw deren vor ein paar Monaten in Abrede gestellte Notwendigkeit) schluckt man alles runter und scheint auch noch einen Nachschlag haben zu wollen.


Natürlich hat Föderl-Schmid recht, wenn sie diese Missstände aufzeigt und sozusagen das Erinnerungsvermögen ihrer Leserschaft auf Trab bringen, bzw dieses sogar ersetzen will. Aber einen auf jungfräuliche Deontologin machen, so als wär man ein Fisch im Aquarium, dessen Horizont nicht weiter reicht als bis zur nächsten Glaswand, das stimmt bedenklich. Einen Zusammenhang analytisch erkennen und seiner Leserschaft kommunizieren zu können ist eines; ein Journalist sollte sich allerdings des gesellschaftspolitischen Kontexts bewusst sein, innerhalb dessen er sich bewegt. Idealtypische, pseudoparadigmatische Wunschvorstellungen passen da aber nicht hinein.


Also los, weiterlügen!


Photo credit: davideferro.net

8. März 2010

Andreas Mölzer und seine Ansicht zum Verbotsgesetz

Originalton aus der Sendung "Im Zentrum" vom 7. März, plus Kommentar:
Schauen Sie, meine Meinung ist die, das Verbotsgesetz ist ein historisch erklärbar entstandenes Gesetz, Bestandteil der österreichischen Rechtsordnung und von mir als solches als Staatsbürger und auch als EU-Abgeordneter zu respektieren
Das ist keine Meinung, das ist eine Feststellung. Ein Gesetz zu respektieren - als was auch immer - geht nicht automatisch einher mit der Zustimmung zu diesem Gesetz. Der Hinweis auf die scheinbar offensichtliche Unumgänglichkeit dieses Gesetzes ("historisch erklärbar entstandenes Gesetz") unterstreicht diese Nicht-Positionierung.
Ich bin auch nicht der der das ändern kann oder ändern will
Die Frage, ob man etwas ändern kann oder nicht, hat rein gar nichts mit der eigenen Haltung zu diesem Etwas zu tun. Und wenn, dann klingt hierbei höchstens ein wenig Bedauern über die Impotenz durch, hier etwas einer Änderung zuführen zu können.
und ich glaube - da geb ich dem Altkanzler Vranitzky recht - es ist natürlich die historische Scheidewand zu dem was vor '45 war
Noch immer keine Meinung zum Gesetz..
und es ist legitim zu sagen wir verbieten es dass die NSDAP wieder gegründet wird, die SS, die SA und was auch immer wieder gegründet wird und dass deren Untaten verherrlicht werden. Das ist mir völlig klar.
Das Verbotsgesetz als legitim zu erachten sagt schon wieder gar nichts aus über die eigene Meinung dazu aus; Mölzer stellt nur wieder einmal fest, dass das Gesetz rechtmäßig ist. Zudem zählt er hier bloß einzelne Punkte des Verbotsgesetzes auf, lässt aber die anderen unerwähnt (vor allem den Tatbestand der Holocaustleugnung). Entweder er spricht generell vom Verbotsgesetz (und akzeptiert es damit in seiner Gesamtheit); wenn er jedoch einzelne Punkte herausstreicht, dann könnte man das auch dahingehend interpretieren dass die anderen Punkte bewusst und absichtlich ausgespart wurden.

Thurnher versucht - ziemlich hilflos wirkend - zu intervenieren und weist auf die mangelnde Genauigkeit der Antwort hin.
Moment, Sie suchen jetzt wieder einen Code, das ist mein Code, wo ich jetzt wieder irgendwelchen geheimen Neonazis was aussende, des is ja bittschön eine Sache wo wir wieder ins politisch-polemische kommen.
Hier wird wieder absolut gekonnt die Opferrolle bemüht und sogleich der - legitime und sich aufdrängende - Vorwurf der schwammigen Zweideutigkeit vorweggenommen, verlächerlicht und damit entwertet und somit verworfen. Ausgezeichnet gemacht. Sowas geht allerdings nur wenn man keine fähigen Diskussionsgegner hat. Und die hat Mölzer - leider - so gut wie nie.
Entweder Sie nehmen das ernst wenn Freiheitliche sagen "Wir setzen uns von allen totalitären Bewegungen, insbesondere vom Nationalsozialismus, der in unserer Geschichte diese schandbare, schreckliche Rolle gespielt hat (sic!), aber, nehmen Sie's ernst, wenn nicht kann ich Ihnen nicht helfen.
Der forcierte Hinweis auf ALLE totalitären Bewegungen (wobei hier natürlich zuallererst im Sinne einer vermeintlich relativierenden Aufrechnung der Kommunismus gemeint ist) gehört zum Standardrepertoire rechter Kampfrhetorik. Immerhin erwähnt er die "schandbare, schreckliche Rolle" des Nationalsozialismus, aber das hat nicht einmal irgendwie etwas mit einer persönlichen Meinung zum Verbotsgesetz zu tun.

Mölzer ist ein brillianter Rhetoriker und unbestritten der Chefideologe des rechten Lagers. Das ist das x-te Mal, dass ihm in einer TV-Diskussion niemand etwas entgegen zu bringen imstande war. Schade. Ein paar Blicke in seine "Zur Zeit" zwecks argumentativer Aufmunitionierung würden schon reichen.


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4. Februar 2010

Holocaust, Judenstern und "Arbeit macht froh"

Holocaust sells. Nein, das ist jetzt kein Plädoyer für Wirrköpfe à la Norman Finkelstein, die sich von Antisemiten jeglicher Couleur hofieren und abfeiern lassen sowie einen Batzen Geld damit verdienen indem sie den Juden vorwerfen, sich mithilfe der sogenannten "Holocaust-Industrie" bereichern zu wollen (seine weiteren kruden Thesen durfte Finkelstein letztes Jahr auch im Falter darlegen). Hier geht es um einen gänzlich anderen Aspekt. Nämlich die Instrumentalisierung der Shoah (bzw bestimmter Teilaspekte selbiger) zum Ziele der besseren, Aufmerksamkeit erregenden Promotion der eigenen Causa.

Jüngstes Beispiel ist die vom Hundemagazin "Wuff" organisierte Protestbewegung gegen den verpflichtenden Führschein für Kampfhundehalter. Natürlich negiert der Herausgeber des Magazins jegliche Intention, hier bewusst Parallelen mit dem Judenstern ziehen zu wollen. Wobei er sich natürlich in Widersprüchlichkeiten verheddert, wenn er meint, man habe "bewusst keinen Judenstern verwendet" sondern "einfach" nur einen Stern, der jedoch Brandmarkung und eine drohende "Rassenverfolgung" symbolisieren solle. Aha, also keine Parallelen zum Judenstern.

Der Judenstern als Symbol der Brandmarkung, auf diese glorreiche Idee kamen vor zwei Jahren auch die Erfinder des sogenannten "Rauchershirts". Mit diesem "wohl aggressivsten Raucher-Widerstands-Shirt" wollte man der Gesellschaft die "schändliche Ausgrenzung" von Rauchern vor Augen führen. Weiter hieß es: "Der Raucher wird nach jahrzehntelanger Duldung zum Aussetzigen (sic!), ja Menschen 2ter Klasse denunziert". Nach kurzer Zeit wurde der Verkauf der T-Shirts eingestellt.

In allzuguter Erinnerung sind noch die "Holocaust auf Ihrem Teller"-Sujets der Tierschutzorganisation PETA, die sich vor einigen Jahren dem geschmacklosen Vergleich von Massenhaltungstieren mit KZ-Insaßen hingab. In Deutschland wurde PETA deshalb wegen Verhetzung verurteilt, in Österreich wurde die Kampagne vom OGH für rechtmäßig erklärt.

Für weniger Aufhebens sorgte 2005 eine Werbekampagne der Wiener Arbeiterkammer unter dem Motto "Arbeit macht froh" vom Künstlerduo Deutschbauer/Spring. Im Gegensatz zur "Wuff"-Kampagne versuchten die Verantwortlichen hier allerdings erst gar nicht, eine bewusste Provokation abzustreiten. Da fallen auch schon mal Statements wie dass Kunst eben "nie konsensfähig" sei, dass es sich um einen "brisanten, vorsätzlich inkorrekten Titel" handle, dass die Plakatserie "als Reaktion auf die herrschenden Arbeitsbedingungen zu verstehen" sei oder Abstrusitäten wie "Da geht es schon darum, dass es einen kurz reißt, wenn man daran vorbeifährt; es geht um das Erzeugen von Ambivalenz - und zwar durch einen bestimmten Lesefehler des historisch belasteten Satzes. Wir sehen eine Art 'Frohheit' anstelle einer 'Freiheit', deren Zynismus unübertreffbar ist. Damit transponieren wir die Arbeitsverhältnisse vom Konzentrationslager in eine Art 'Dekonzentrationslager', eine Stätte der gezwungenen Unterhaltung."

Immerhin sind die Protagonisten der drei letzten Beispiele ehrlich. Die Initiatoren der "Wuff"-Kampagne müssen sich hingegen wahlweise den Vorwurf der Ignoranz oder der Lüge gefallen lassen - es steht jedem frei sich für das eine oder das andere zu entscheiden.

Was sagt dieser Missbrauch des Holocaust über die jeweiligen Proponenten aus? Einerseits versuchen sie ihre Botschaft mit der größtmöglichen Schockwirkung zu vermitteln, und offensichtlich erscheint ihnen der Holocaust als am besten geeignet, dieses gewünschte Maß an Schockwirkung entfalten zu können; man kann ihnen also konzedieren dass sie sich über die Tragweite und die Einmaligkeit der industriellen Massenvernichtung durch die Nazis im Klaren sind. Andererseits entblöden sie sich nicht, die Nazi-Gräuel durch die auf Effekthascherei basierenden Gegenüber- und Gleichstellung mit ihren Anliegen zu banalisieren und damit zu verharmlosen. Nicht mehr und nicht weniger.

Zuguterletzt ist diese Holocaust-Masche aber auch nichts anderes als das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, auf andere Art und Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Wuff.

EDIT: Na wer sagt's denn. Geht also doch! Die Erklärung zeugt zwar abermals nicht von besonderer Intelligenz, aber das tut ja auch die Kampagne insgesamt nicht.

1. Februar 2010

Medienkrise erreicht Österreich - ein bisserl zumindest

Zwei wichtige Meldungen zum Thema Print in Österreich der vergangenen Tage:

"Krone" brechen Einnahmen weg: Dichand ohne Salär

Mediaprint ist für Konrad "ein liebes Zebra" und "viel zu zahm"

Eventuell könnte man auch noch folgendes erwähnen:

Bertelsmann mit massivem Sparprogramm

 

Der Medienwandel ist also nicht mehr nur ein abstraktes Schreckgespenst, das im fernen Amerika seinen Schabernack treibt und dort den Printmarkt innerhalb allerkürzester Zeit in seinen Grundfesten erschüttert hat, dergestalt dass die Marktplayer - größtenteils vollkommen überrumpelt von dieser rasanten Entwicklung - plötzlich an den Rande des Ruins, wenn nicht gar darüber hinaus getrieben worden sind. Nein, diese als solche empfundene, nebulös-damoklesschwertartige Bedrohung ist auch bei uns angelangt, und zwar mit greif- und spürbaren Konsequenzen in Form realer, harter Fakten. Ich habe in der jüngeren Zeit zahlreiche Gespräche zu diesem Thema geführt, wobei meine Diskussionspartner immerzu dem gleichen Denkfehler unterlagen: ich bin nämlich nicht der Verfechter der Digitalisierung und der Grabträger der Holzmedien. Ich bin nicht der Anwalt oder gar der Missionar der Neuen Medien, der es sich zum Ziel gemacht hat, seine ihn umgebende Menschheit von den Heilsbringungen einer printlosen Gesellschaft zu überzeugen und damit einen Jahrhunderte alten wesentlichen Bestandteil unserer Kultur mir nichts dir nichts über Bord zu werfen. In all diesen Gesprächen habe ich auf die Sinnlosigkeit einer solchen - oftmals von Reminiszenzen und (pseudo-)nostalgischen Gefühlen begleiteten und maßgeblich beeinflussten - Sichtweise hingewiesen und den Fokus auf die ökonomischen Realitäten zu richten versucht, die eine derartige Sackgassen-Debatte absolut sinnlos erscheinen lassen.

 

Das Geld wird knapp. Und daran ist nicht nur die Krise schuld. Viele versuchen sich die Entwicklungen von 2009 "schönzureden", indem sie das allgemein desolate wirtschaftliche Umfeld für die Bredouille der Zeitungen verantwortlich machen. Dabei wirkte die Wirtschaftskrise sicherlich als Brandbeschleuniger, ist aber sicherlich nicht der ausschlaggebende Faktor. Vielerorts ergibt man sich daher der trügerischen Hoffnung, mit dem Anspringen der Konjunktur würde man wieder zurückkehren zum Business as usual. Wer tatsächlich so denkt und diesen Selbstbeschwichtigungsversuch in Form einer Beibehaltung des Status quo auslebt, der wird sein Blatt mit vollem Karacho gegen die Wand fahren.

 

Andere sind ob der gar nicht rosigen Perspektiven auf der fieberhaften Suche nach neuen Geschäftsmodellen; letzteres ist immer gut, nur ist man jetzt gezwungen dermaßen schnell zu handeln, dass man sich die in solchen Veränderungsprozessen üblichen Phasen des Herantastens, Ausprobierens und des Scheiterns samt sofortigen Neuversuchens einfach nicht leisten kann. Die New York Times hat in den vergangenen Jahren schon sehr viel herumprobiert. Bezahlangebote wurden eingeführt und wieder abgeschafft. Und auch der Herausgeber Arthur O. Sulzberger hinterfragte 2007 fast schon resignativ die Sinnhaftigkeit einer gedruckten Ausgabe: "Ich weiß es wirklich nicht, ob wir die Times in fünf Jahren noch drucken werden. Und wissen Sie was? Es kümmert mich auch nicht". Vor wenigen Tagen war es wieder mal soweit, die New York Times präsentierte abermals Pläne für ein Bezahlangebot.

 

Zurück zu Österreich. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: die relativ gesehen mächtigste Zeitung der Welt (zumindest in Demokratien westlichen Zuschnitts) macht nur mehr einen vergleichsweise mickrigen Gewinn und auf der Kapitalindikatorfront dräut Böses. Und wenn Christian Konrad Sätze in Bezug auf die Mediaprint loslässt wie "Wir brauchen Veränderung in der Geschäftsführung und möglicherweise Veränderung im Geschäftsmodell" oder "Es muss mit Sicherheit ein Kostenprogramm geben" und von "Reorganisation und Restrukturierung" redet, dann kann man sicherlich von massiven Problemen ausgehen. Auch seine weiteren Aussagen bestätigen diesen Eindruck. Effizienzgetriebene Einsparungspotentiale im Printbereich sollten im ohnehin schon höchstkonzentrierten Mediamil-Komplex kaum mehr möglich sein.

 

In diesem Zusammenhang will ich auch noch eine weitere Perspektive einbringen: eine der größten Ängste angesichts der sich verschärfenden Krise im Printbereich ist die Frage nach der Vierten Gewalt der Demokratie, und wer denn diese Rolle in Hinkunft ausfüllen solle. Die einen meinen dass das ohnehin schon nicht mehr der Fall sei und dass eben das Internet diesen Part übernimmt. Was Österreich betrifft, so zitiere ich abermals Christian Konrad, dessen Raiffeisenkonzern ja auch ein bedeutender Kreditgeber der Tageszeitung "Österreich" ist:

.. ich werde nur darauf ["Österreich", Anmerkung] angesprochen, wenn es irgendwelche besonderen Ausreißer gibt – also etwa am Tag nach der Hypo-Vereinbarung, als Österreich schrieb, die Bayern hätten dem Finanzminister die Lederhose ausgezogen. Das war wirklich an den Haaren herbeigezogen, und in solchen Fällen rufe ich schon dort an

Hier ist man "nur" Fremdkapitalgeber. Beim Kurier ist man Mehrheitseigentümer. Na gut, in einem Land, in dem die Führungsspitze einer Regierungspartei ihre Politik unterwürfigst per Leserbrief kundmacht oder das (paradigmatisch so genannte) Moltofon fröhliche Urstände feiern konnte, können derartige, mit eklatanter Nonchalance vorgetragenen Äußerungen nicht verwundern. Und das soll die vielbeschworene Vierte Gewalt sein? Wenn der Boss eines der mächtigsten Konzerne des Landes ein scheinbar äußerst laxes Verständnis von Unabhängigkeit in der Berichterstattung hat und Dichand sowieso scheinbar alle bei den Eiern hat, was für einen Beitrag soll eine derartige, fast schon monopolistisch verschränkte und agierende Medienlandschaft für eine gesunde Demokratie zu leisten imstande sein?



Photo credit: perpetualplum, takomabibelot 

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28. Januar 2010

com.sult 2010 - Nachbetrachtung


Hier die Vorschau zum Kongress.

Alles in allem hat die com.sult 2010 meine Erwartungen genau getroffen. Hervorragend organisiert, professioneller Ablauf, augenscheinlich zufriedenes Publikum. Das inhaltliche Niveau der Panele und Workshops war bescheiden, entspricht jedoch der - vor allem österreichischen - Gepflogenheit, ebendieses Niveau auf derlei Events nicht zu hoch anzusetzen, da dies nicht eines gewissen Risikos entbehrt. Hier würde ich mir wünschen wenn man sich sowohl durch Themenwahl als auch durch die Auswahl der Gäste ein bisschen mehr aus der Reserve wagen würde. Vor allem das Fehlen absolut jeglichen Bezugs zur aktuell allerorts diskutierten Thematik der Neuen Medien bzw deren Nutzungsmöglichkeiten und Einfluss auf Lebensgewohnheiten betrachte ich als einen programmatischen Fauxpas.

Die "Stargäste" haben gehalten was sie versprochen haben, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem Buzz Aldrin (Bild) schien es den Besuchern angetan zu haben; zwar hatte nichts des von ihm erzählten irgendeinen besonderen Wert für mich; was vor 40 Jahren so und so gelaufen ist finde ich in diesem Kontext (Consulting-Kongress!) doch recht uninteressant, und so langweilte ich mich zutiefst während seines Auftritts. Aber ich beobachtete den Rest der Leute im Saal und erblickte vor allem beim fast schon euphorischen Schlussapplaus sehr viele glückliche Gesichter (und zwar nicht nur bei den angegrauten Semestern, die ja mit Aldrin tolle Kindheits-/Jugenderinnerungen verbinden). Und darauf kommt's ja letztlich an.

Meine restlichen Eindrücke sind weiter unten in Form meiner gesamm(el)ten Twitter-Aktivität des Kongresstages zusammengefasst.

Drei Um- bzw Missstände waren dann doch recht auffällig und ärgerlich:

Erstens die widerwärtige Qualmerei: bei einem Kongress mit internationalem Anspruch und einem entsprechenden Publikum (letzteres ist von zuhause fast durch die Bank anderes gewöhnt) hat die österreichische Unart des schranken- und rücksichtslosen Rauchens aber rein gar nichts verloren.

Desweiteren war das sprachliche Niveau der österreichischen Teilnehmer unter jeder Kritik. Eine zumindest gute Beherrschung des Englischen sollte für Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik Standard sein. Ist es aber scheinbar nicht einmal ansatzweise.

Und drittens, wie schon in einem Tweet angeschnitten: der beschämend niedrige Frauenanteil. Ich bin ganz und gar kein Freund positiver Diskriminierung oder blind-rigider Quotenregelungen, aber die folgende Frauen-Statistik ist erbärmlich.

Eröffnung: 2 von 10
Panele 1-3: 0 von 20 (Corinna Milborn war bei einem Panel Moderatorin)
Workshops: 9 von 72

Einen weiblichen Stargast gab's in der Vergangenheit übrigens auch noch nicht.

Hier also die Tweets vom Dienstag:

edit: nun wollte ich hier tatsächlich alle tweets mit einem bestimmten tool einbinden. Geht aber nicht, bzw es überlastet die Website. Daher ein embedded Stream via Friendfeed. Hier muss man halt rückwärts lesen. Warum Friendfeed? Weil bei Twitter ältere Tweets manchmal verschwinden. Bei Friendfeed nicht. Als "Archiv" ist es also besser als das Original. Für die Gesamtheit aller Tweets von diesem Tag einfach auf den Link am Ende des Streams klicken.



Photo credit: com.sult

24. Januar 2010

com.sult 2010 - Consulting-Kongress in Wien


Ich könnte hier jetzt vieles zum Thema Consulting-Branche schreiben, und es wäre nicht viel schmeichelhaftes dabei. Ich habe meine Meinung zu Teilen dieses Berufszweigs (man sollte ja natürlich niemals generalisieren!) aber dennoch stellt er einen aus der wirtschaftlichen und politischen Realität nicht wegzudenkenden Faktor dar, der in zahlreichen politischen und unternehmerischen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielt.

Wo eine Branche, da ein Kongress - dachte sich wohl zumindest David Ungar-Klein, als er 2004 den Wiener Consulting-Kongress com.sult ins Leben rief, um dort sein internationales Publikum mit illustren Stargästen aus allen möglichen Bereichen zu beglücken. Ich persönlich konnte mit dieser Seitenblicke-Lugner-Opernballgast-Mentalität nie wirklich etwas anfangen, aber wenn es dem Organisator gelingt für seine darob verzückten Gäste Kapazunder à la Bill Gates (2004), Jack Welch (2005), Shimon Peres (2006), Michael Eisner (2007) oder Steve Forbes (2008) ins kleine Wien zu lotsen, dann bleibt einem einfach nichts anderes übrig als zu sagen: Chapeau! Auch heuer hat man mit Buzz Aldrin und Howard Dean abermals zwei klingende Namen verpflichten können.

Der heurige Kongress (26. Jänner) läuft unter dem Motto "Shape the Future". Das Programm verspricht einige interessante Themen. Aber eine Sache sticht doch ins Auge: zwar lautet das Generalthema "Shape the Future" und wurde Howard Dean unter anderem mit der Begründung geholt, dass er "mit seinem Internet-Wahlkampf 2003-2004, einer Kombination von Weblog, Online-Wahlkampfspenden und der Online-Organisation von Zusammenkünften seiner Anhänger, den Wahlkampfstil der Demokratischen Partei" revolutionierte; was die Programmierung der Workshops betrifft gibt es jedoch nur ein einziges Panel (IKT Strategie 2030: Mehr IKT, mehr Effizienz) das sich eventuell ansatzweise minimalst mit dem äußerst dynamischen Bereich der Neuen Medien und deren Nutzungsmöglichkeiten auseinandersetzen könnte; wobei mich die Workshop-Beschreibung und die Wahl der Gäste (vor allem aus dem Infrastrukturbereich) ohnehin stark daran zweifeln lassen.


Dabei bieten gerade die innovativen und in erhöhter Schlagzahl auftauchenden Instrumentarien des digitalen Wandels zahlreiche Möglichkeiten, verschiedenartigste Organisationsprozesse einer von Grund auf erneuerten, effizienteren Gestaltung zu unterziehen. Letztes Jahr ist man in einem auch entsprechend betitelten Workshop auf dieses Thema eingegangen. Das Niveau war ein relativ bescheidenes, es schwankte zwischen von Teilen des Podiums und des Publikums genährter stereotypenbehafteter, ostentativer Belustigung einerseits und den Bemühungen einer handvoll an Leuten andererseits, die vielfältigen Potentiale der Neuen Medien aufzuzeigen. Was leider dazu führte dass man sich bald in sinnlosen Diskussionen über offen zur Schau gestellte Privatfotos auf Facebook und ähnliches verhedderte.


Tatsache ist jedoch, dass diese Neuen Medien nicht nur zahlreiche unternehmensrelevante Prozesse nachhaltig verändern und verändern werden, sondern natürlich und vor allem auch den Alltag der "Normalsterblichen". Das betrifft zum Beispiel die zwischenmenschliche Kommunikation (bspw der teilweisen "Facebook-isierung" selbiger) und auch unser Medienkonsumverhalten generell (zB das baldige Aussterben des Printbereichs). Ich würde also doch meinen, dass es Consultants zupass kommen würde sich auch in diesem Bereich neues Wissen anzueignen, um ihren Klienten entsprechende mögliche Strategieadjustierungen vorschlagen zu können (bspw in der externen Unternehmenskommunikation). 2009 scheint hier der Turning Point gewesen zu sein, haben diese Neuen Medien wohl definitiv den Sprung aus der Nerd-Ecke geschafft und ihren Anspruch auf einen fest verankerten Platz in unserem privaten und professionellen Alltag eindrucksvoll gefestigt. Diese Entwicklung wird nicht nur durch exponential steigende Nutzerzahlen untermauert, sondern auch durch großzügige Investitionsportfolios, die mitunter auch bedeutende Unternehmen in diesen Bereich aufzubringen bereit sind, um eben diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Panele in deren Titel "Strategie 2030" aufscheint mögen zwar reißerisch-visionär klingen, auf mich wirken sie eher bemüht-utopisch und entbinden das Podium aufgrund des überlangfristigen Horizonts jeglicher Bemüßigung, dem Publikum Konkretes zu präsentieren, das über Schlagwort- und Allgemeinplätze-Dropping und das unklar-schemenhafte Umreißen zukünftiger Perspektiven hinausgehen könnte.

[Mein - weil extrem euphemistisch betitelter - "Lieblings"-Workshop wäre ja sowieso "Rumänien: Ziel für Investments nach der Krise", da ich mir ziemlich sicher bin dass dieses Land nicht einmal ansatzweise auf dem Weg der Besserung ist, sondern das schlimmste noch bevor steht]


Nichtsdestotrotz freue ich mich auf einen spannenden Kongress und werde - um diesem doch relativ statisch erscheinenden Event zumindest einen kleinen Touch Neuen-Medien-Winds angedeihen zu lassen - meine Eindrücke Real Time via Twitter kommunizieren. Hierzu werde ich den Hashtag #comsult verwenden. Ein jeder ist eingeladen sich daran zu beteiligen!

Photo credits: www.com.sult.cc

19. Januar 2010

Der Österreichische Film und die (Nicht-)Ursachen seines Erfolgs


Man kennt die Szenerie, aus Kitzbühel und Schladming etwa: ein österreichischer Skirennläufer gewinnt ein Rennen, zehntausende sind live vor Ort und noch einmal ein paar hunderttausend via TV dabei. Und in der ersten Reihe der Gratulanten finden sich ein paar politische Vertreter, die sich auch ein wenig im Glanz des Siegers sonnen wollen, schließlich kann das imagetechnisch vor einer großen Kulisse niemals schaden. Ähnliches spielt sich verständlicherweise auch in anderen Bereichen ab. Man erinnere sich an den Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek. Oder eben an die zahlreichen Auszeichnungen im Filmbereich. Der Unterschied: während der ÖSV eine finanziell über alle Maßen ausgestattete Organisation ist, die ihren Sportlern die weltbesten und professionellsten Rahmenbedingungen zur Entfaltung ihres Talents und zur Ausübung ihres Sports zur Verfügung stellt, gilt das für den Filmbereich nicht einmal ansatzweise. Hier kann man ohne weiteres davon sprechen, dass die zahlreichen Erfolge der jüngeren Vergangenheit nicht dank, sondern trotz des österreichischen Backgrounds der Protagonisten zustande gekommen sind.

Christoph Waltz zum Beispiel: den in Wien geborenen Spross einer richtigen Theater-Familie zieht es schon gleich nach der Schule ins Ausland. Beruflich hat er mit Österreich nur noch sporadisch, und das auch nur am Rande zu tun, sein künstlerischer Lebensmittelpunkt ist es aber nicht (ich erinnere mich immerhin, ihn einmal in einer "Komissar Rex"-Episode gesehen zu haben!).

Michael Hanekes "Das Weiße Band" wurde zwar vom ORF mitfinanziert; allerdings nur mit einem Minderheitenanteil. Konsequenz: der Film wird nun von Deutschland und nicht von Österreich für den Oscar vorgeschlagen; fast zeitgleich mit der Goldenen Palme in Cannes für Haneke im vergangenen Jahr wollten die Küniglberger gar das Film-/Fernseh-Abkommen aufkündigen. Was die Politik betrifft, so konnte diese sich jahrelang nicht und nicht zur versprochenen und angekündigten Steigerung der Filmförderung durchringen. Zumindest an dieser Front scheint da jetzt seit kurzem endlich die Situation beruhigt zu haben. Wenn man sich also vor Augen führt, was die an Potentialen sicherlich nicht arme österreichische Filmwirtschaft in den vielen Jahren des finanziellen Dahindarbens zusätzlich hätte leisten können, dann wirken die Jubelchöre aus den einschlägigen Kreisen doch ziemlich deplatziert.

Photo Credit: pedrosimoes7

14. Januar 2010

Der "Ausländer", des Österreichers liebstes Thema


Österreich erlebte in der jüngeren Vergangenheit vier Monsterskandale mit finanziell desaströsen Auswirkungen für den Steuerzahler.

- Die AUA, die Anfang 2008 den Worten ihres damaligen Vorstandschefs Alfred Ötsch zufolge "saniert" gewesen sein soll, stürzt ab und muss an die Lufthansa verschenkt werden, hinzu kommen noch 500 Mio. Euro "Restrukturierungshilfe", die der österreichische Staat den Deutschen zukommen lässt.Verantwortlich: niemand

- Der Skylink wird den Steuerzahler statt 400 Mio. um die 900 Mio. Euro kosten. Verantwortlich: niemand.

- Die ÖBB fahren 2008 einen Verlust von knapp einer Milliarde ein, Besserung nicht in Sicht. Verantwortlich: niemand.

- Die Hypo Alpe Adria muss vom Staat aufgefangen werden, eine Pleite hätte das Budgetdefizit um 7 Prozentpunkte auf 11% explodieren lassen. Dazu noch Geschäfte mit Mafia-Kreisen aus Ex-Jugoslawien, Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung, Verdacht des Insiderhandels im großen Stil, Spekulationsverluste auf Jersey in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro, etc. Verantwortlich: (noch) niemand, aber immerhin ermittelt auch Bayern in dieser Causa, Hoffnung auf Aufklärung ist also angebracht.

Daneben noch ein paar Neben-"Skandälchen" rund um die Asfinag, den BUWOG-Verkauf und die Spekulationsverluste der Bundesfinanzierungsagentur.

Dass der Aufklärung der Verantwortlichkeit in solch dramatischen Fällen relativ geringe Bedeutung zukommt verwundert nicht. Schließlich ist, wie Hans Rauscher gestern schrieb, das "Ausländer"-Thema das wichtigste Thema. Stimmt, wenn auch etwas anders als er es gemeint hat. Erst vorgestern stach mir ins Auge, dass die mediale Behandlung der zutage getretenen horrenden Spekulationsverluste der Hypo auf Jersey so gut wie kein namhaftes Online-Medium auf die Barrikaden rief, weil stattdessen ein weiteres Kapitel ("Internierung von Asylwerbern") der unrühmlichen Telenovella rund um die Errichtung eines neuen Erstaufnahmezentrums an prominenter Stelle behandelt werden musste.

Es ist interessant, dass ein Land gebannt auf jeden einzelnen Schachzug eines Scheingefechts zwischen Innenministerin, Landeshauptmännern, Parteiobmann, Bürgermeistern, Koalitionspartner, etc. starrt weil es sich eben um das rote Tuch "Ausländer" handelt; geht es aber um zum Himmel schreiende und stinkende Finanzkatastrophen, die sich allesamt nicht nur im Dunstkreis, sondern im direkten Einflussbereich politischer Entscheidungsträger abgespielt haben, bleibt der kollektive Aufschrei aus. In anderen zivilisierten Ländern mit Demokratien westlichen Zuschnitts hätte diese geballte Ladung politischen Versagens und/oder krimineller Machenschaften, sowie das Ausbleiben jeglicher gewichtiger politischer und strafrechtlicher Konsequenzen zu allermindest zu einem dramatischen Legitimationsverlust der Politik geführt; hier bei uns reicht es, den "Ausländern" (ein diffuser Stammtisch-Begriff, der alles mögliche bedeuten kann, der aber trotzdem - oder gerade deshalb - extrem zugkräftig ist) mal wieder eine auf den Deckel zu geben, schon hat man das Volk und den Alten von der Muthgasse besänftigt. Natürlich ist es auch die bekannte österreichische Obrigkeitshörigkeit, die hier gehörig mitspielt und die dazu führt, dass der brave Österreicher sich so ziemlich alles gefallen und einreden lässt. Aber so ein paar Nebelgranaten können auch nicht schaden, schließlich will man ja beispielsweise auch extrem heikle Themen wie eine Verwaltungsreform nicht anfassen müssen. Und die Empfänger nehmen das Ablenkungsangebot dankend an.

À propos Krone: auf der Titelseite der ersten Sonntagsausgabe dieses Jahres wurde Fekter übelst zugerichtet; eine Woche später wetzt sie in der Pressestunde diese Scharte mit dem "Internierungs"-Sager aus. So funktioniert Politik. In Österreich.

Photo credits: e-strategyblog.com

13. Januar 2010

Medienwandel: Der Holzweg der Eliten


Gestern wurden mir das Privileg und das Vergnügen (zweiteres muss ja nicht notgedrungen mit ersterem einher gehen) zuteil, Charles Ritterband, einem ganz großen des deutschsprachigen Journalimus', bei einer Lesung aus seinem vor kurzem erschienenen Buch (Dem Österreichischen auf der Spur) lauschen zu dürfen. Charmant, witzig, intelligent, eloquent, redegewandt, pointierte Auswahl der der Zuhörerschaft dargebotenen Passagen aus diesem scheinbar durch und durch gelungenen Werk, all dies abgerundet durch sein pfiffiges schweizer Flair, dem man dennoch einen ganz leichten österreichischen Einschlag anmerkt - alles in allem also das oben erwähnte Vergnügen.

Danach stellte sich der Autor einigen Fragen. Gleich die erste legte den Finger zielgenau auf eine immer größer und tiefer werdende Wunde, nämlich jener der wirtschaflichen Problemen der NZZ. Man hätte diese Frage auch auf den Printbereich weltweit ausweiten können, befindet sich dieser diesbezüglich doch seit spätestens 2009 offensichtlich im freien Fall. Die Antworten und Erklärungsansätze des Korrespondenten waren jedoch ernüchternd, wenngleich wenig überraschend. Es ist wie sooft bei Diskussionen zum Thema Medienwandel: die sich mittendrin befindenden, die schon seit Jahren und Jahrzehnten engstens mit einem Medium verflochten sind, haben Schwierigkeiten, eine konzise, selbstreflexive und analytisch nüchtern-brauchbare Sicht der Dinge zu entwickeln wenn nun innerhalb allerkürzester Zeit Jahrhunderte alte Medienkonzepte und -modelle im Zuge des disruptiven Medienwandels nicht nur in Frage gestellt werden, sondern gar vollends ausgelöscht zu werden drohen. Das hat rein gar nichts mit einem Mangel an Intelligenz oder intellektueller Flexibilität zu tun. Das kann einem Oscar Bronner genauso passieren wie einem Armin Thurnher.

So werden - korrekterweise - die "beschleunigten technologischen Entwicklungen" als Hauptfaktor für die NZZ-Krise genannt. "Die jungen Leute" konsumierten heute eben hauptsächlich elektronische Medien, so der Zusatz. Jein. Alle nutzen das Internet als Informationsquelle, nicht nur die "jungen Leute". Außerdem ist die demographische Struktur der NZZ-Leser eher nicht geeignet, dem Argument des Wegfalls einer jungen Leserschaft als Grund für die existenzbedrohenden Probleme des Blattes das Wort zu reden. Natürlich kann es jetzt sein dass das recht schwammige "junge Leute" für mich etwas anderes bedeutet als für den etwas älteren Journalisten. Dann wäre jedoch eine Präzisierung notwendig, denn so schwingt bei dieser Bemerkung ein unangenehmer, weil unsachlicher Stereotyp mit. Und letztere sind niemals eine optimale Grundvoraussetzung zur Lösung eines Problems.

Nicht sehr befriedigend erschien mir die Erklärung, der Informationskonsum erfolge heute sehr "flüchtig", man setze sich nicht mehr in Ruhe hin um etwas zu lesen, sondern wird in der reizüberflutenden Real-Time-Informationsgesellschaft permanent mit neuen Meldungen überschüttet. Das stimmt natürlich auch, jedoch ist das ein schon weitaus länger existierendes Phänomen, das zudem auch alle Medien betrifft, nicht nur die Printzeitungen. Dass die rigiden Holzmedien hierbei ihrer flexiblen digitalen Konkurrenz haushoch unterlegen sind ist klar. Auch wäre die Bereitschaft, sich mit tiefer gehenden Beiträgen auseinanderzusetzen, im Sinken begriffen und als er von den "Bleiwüsten" vergangener Tage erzählte schwang doch ein wenig Wehmut mit.


Im Lichte dieses geänderten Informations(konsum)bedürfnisses des Lesers und um diesem gerecht zu werden erfolgte jüngst die Anpassung des NZZ-Layouts, das sich unter anderem durch die intensivere Nutzung von (größeren) Bildern, kürzeren Beiträgen und die Umstellung der Titelseite von fünf auf vier Spalten auszeichnet. Dies missfiele Ritterband allerdings einigermaßen, weil nun seine Artikel plötzlich kürzer sind. Tja, so ist das eben mit den Holzmedien, man bekommt so und soviel Platz, mit dem man dann halt zu Rande kommen muss. Auch wenn dadurch andere Aspekte einer Thematik zu kurz kommen, die man andernfalls einer weitergehenden Analyse zuführen hätte können. Ich bemerke das ja beispielsweise auch oft bei den von mir so gut wie täglich gelesenen Kommentaren im Standard: einerseits sind sie von der Länge her mundgerecht portioniert, andererseits spürt man oftmals regelrecht die Selbstrestriktion des Journalisten angesichts einer layoutbedingt unbarmherzigen Längenvorgabe. Wenn mir hingegen gelüstet kann ich diesen Blogbeitrag hier ewig lang werden lassen, so viele Facetten beleuchten wie ich will (das wäre wohl nicht im Sinne der Readability) und könnte somit meine eigene Pixel- statt Bleiwüste schaffen. Und hätte Ritterband die publizistischen Möglichkeiten eines Blogs, dann wär ihm das wohl nur allzu Recht, denn dann könnte er ja genau jene in die Tiefe gehenden Beiträge erstellen, an denen es heutzutage ihm zufolge fehlt und an deren technischen Voraussetzungen es mehr und mehr zu mangeln scheint.

Nicht ganz ohne Stolz erzählte er vom ausgeklügelten und effizienten Distributionssystem der internationalen Ausgabe der NZZ, das es erlaubt, alle österreichischen Abonnenten frühmorgens von Passau aus mit der neuesten Ausgabe zu beliefern. Nun ja, wenn ich in der früh meinen Computer oder mein Mobiltelefon zwecks Lesens von Nachrichten anwerfe, dann ist das wohl um einiges effizienter, würde ich meinen. Für die Printversion werden Bäume gefällt, diese zu Papier verarbeitet, welches dann zu einer Druckerei transportiert werden muss. Dort müssen teure Maschinen unter Mitwirkung und Aufsicht bezahlter Mitarbeiter das physische Endprodukt herstellen, welches dann seinerseits zum Endkunden transportiert werden muss. Warum sollte ich bereit sein, für diese im Laufe dieses Prozesses anfallenden Material-, Personal-, Transport-, Energie- und Mietkosten zu bezahlen? Damit ich dann eine potentiell veraltete Information in Händen halten kann? Damit ich die Haptik des Umblätterns genießen kann? Wohlwissend, dass mir im Gegensatz zu einer elektronischen Variante viele Vorteile verloren gehen?

Die Zeitung (und damit ist wohl die Printversion gemeint) hingegen werde immer mehr zu einem Produkt für die Eliten. Was er damit meint? Vielleicht, dass das Medium Zeitung immer teurer und somit für immer weniger Bevölkerungsschichten leistbar sein wird. Vielleicht meint er damit aber auch dass dieses Medium werthaltiger sei als die von den "Nicht-Eliten" verwendeten Informationskanäle. Beide Varianten sind nicht haltbar; denn 10 Euro wird niemand für ein objektiv gesehen in allen Belangen krass unterlegenes Produkt zahlen; und dass eine gedruckte Information wertvoller wäre als eine digitale, das ist eine durch Erziehung, Tradition, Gewohnheit und nicht zuletzt intrinsische Knappheit der Old School-Medien (im Gegensatz zu den in überwältigendem Ausmaß vorhandenen Möglichkeiten der digitalen Welt) geschaffene Illusion. Genauso wie eine Gutenberg-Bibel nicht weniger wert war als eine händisch von einem Kopiermönch geschriebene, nur weil letztere in der Produktion weitaus aufwändiger war.

Ritterband hat die neuen Medien nicht explizit verteufelt (so wie es andere seiner Kollegen machen). Aber die einseitige Betrachtung des unumkehrbaren Medienwandels, das fehlende Eingehen auf die positiven Seiten der neuen Kommunikations- und Informationskanäle und die eklatante (und fast schon larmoyante) Fixierung auf vergangenheitsbezogene und demnächst obsolete Grundsätze lassen zumindest erahnen was er von ihnen hält. Qualitätsjournalismus wie ihn Ritterband produziert wird es immer geben. Ob er dem Leser auf totem Holz oder einem Display serviert wird, die Antwort auf diese Frage steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Photo Credits: pingu1983, Alex Barth,

11. Januar 2010

Österreich als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes


Perfektes Timing. Im Rahmen des samstäglichen Ausgehens landeten ich und einige Freunde abermals mitten in einer durch die im entsprechenden Lokal herrschenden Atemluftverhältnisse regelrecht aufoktroyierten Diskussion über die Karrikatur eines Gesetzes, das zwar schon seit mittlerweile einem Jahr in "Kraft" ist, in der Realität jedoch kaum Anwendung findet. Am nächsten Morgen erwartet mich dann vor der Wohnungstür das neue Profil, das sich in der neuesten Coverstory mit eben diesem Um- bzw. Missstand auseinandersetzt.

Viele kennen das Gefühl: man kommt nachhause, die Kleidungsstücke verfügen bis hin zur Unterhose über die äußerst reizvollen olfaktorischen Charakteristika eines nett gefüllten Aschenbechers, und die (gesamte!) Körperbehaarung ebenso. Ah: ungesund ist das ganze ja auch noch. Und zwar so richtig. 11.000 Menschen sterben jährlich in Österreich an den Folgen des Aktiv-, 1.000 an den Folgen des Passivrauchens (das Gesundheitsministerium spricht gar von insgesamt 14.000 Toten). COPD ist seit Jahren auf dem unaufhaltbaren Vormarsch. Mit 36,3% ist Österreich Weltranglistenerster was den Raucheranteil betrifft.

Um dieser Situation entgegenzuwirken (bzw um wohl eher einer in nicht allzuferner Zukunft anstehenden EU-Richtlinie zuvorzukommen) wurde vor einem Jahr das Scheingesetz zum Nichtraucherschutz eingeführt. In Kraft getreten ist es jedoch höchstens auf dem Papier. Schiffbruch mit Ansage. Alle Beobachter waren sich einig, dass dieses Gesetz rein gar nichts an der Situation ändern würde. Und genauso ist es auch gekommen. Die Vorgaben waren schwammig, die behördlichen Kontrollen praktisch kaum vorhanden. Zwar machten sich ein paar medial eher als revoluzzelnde Wirrköpfe dargestellte Aktivisten daran, so viele Verstöße wie nur möglich zu dokumentieren und zur (anonymen) Anzeige zu bringen. Geändert hat dies allerdings wenig bis gar nichts, und somit geht die Geiselhaft auch bis heute munter weiter. Denn immerhin findet sich österreichweit eine komfortable 2/3-Mehrheit für ein generelles Rauchverbot. EU-weit ist die Zustimmung sogar höher.

Was den öffentlichen Diskurs zu diesem Thema betrifft, so könnte man sich an das Bundesland Kärnten erinnert fühlen: treib Schabernack soviel du kannst, gib dir ja nicht die Mühe ernst genommen zu werden, wirf mit Halbwahrheiten um dich, und du wirst erfolgreich sein. Da wurden merkwürdige Kampagnen gestartet ("Die deutsche Frau raucht nicht, sondern gebärt Kinder") und auch von ansonsten überdurchschnittlich intelligenten Zeitgenossen (zB paradigmatisch für die Verharmlosung, wenngleich auf scheinbar hohem Niveau: Robert Misik, hier die Replik dazu) hört man wirrstes Zeug. Andere beklagen den Eingriff in den Handlungs- und Lebensgestaltungsspielraum des mündigen Bürgers. Hierbei stellt sich natürlich die Frage ob man Nikotinsüchtler als mündig bezeichnen sollte. Dem Substi-Anbieter in der Karlsplatzpassage würden ja die meisten auch nicht dieses Attribut zugestehen.


Und die hanebüchene Argumentation der Gastronomie führt sich angesichts konkreter Zahlen aus anderen Ländern ohnehin von selbst ad absurdum. Vom Lokalsterben ist landauf, landab die Rede, vom Niedergang der Wirte, von Umsatzeinbußen in unschätzbarer Höhe. Aus keinem der Hardcore-Rauchverbot-Länder ist von einem Massensterben in der Gastronomie zu hören. Warum auch. Weshalb Angst vor einem Gesetz haben, das alle Konkurrenten gleich stark trifft? In Clubs und Diskotheken in Frankreich stinkt es zwar zuweilen bestialisch nach Schweiß, aber an Passivgestank ist meines Wissens nach noch niemand gestorben. Auch die Tabakindustrie wusste nicht von Umsatzeinbußen zu berichten. Auf die gesamtwirtschaftlichen Kosten einer explodierenden Zahl von Raucherkranken (die man natürlich behandelt und nicht sterben lässt) kommt aber selten jemand zu sprechen. Hingegen konnte eine klare Positionierung so manchem Betrieb gar kräftige Umsatzsteigerungen bescheren, wie das Beispiel des Café Griensteidl zeigt. Andere Lokalbesitzer investierten kräftig in bauliche Trennungen, stehen nun allerdings wie Vollidioten da weil ohnehin niemand kontrolliert.

Kein Wunder also, dass Österreich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen her in einem Atemzug mit den Rauch-El-Dorados Serbien, Montenegro und Albanien genannt wird. Österreich also als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes.

Linktipp: Facebook-Gruppe "Rauchverbot in Lokalen"

Photo credit: ISO 1987