28. Januar 2010

com.sult 2010 - Nachbetrachtung


Hier die Vorschau zum Kongress.

Alles in allem hat die com.sult 2010 meine Erwartungen genau getroffen. Hervorragend organisiert, professioneller Ablauf, augenscheinlich zufriedenes Publikum. Das inhaltliche Niveau der Panele und Workshops war bescheiden, entspricht jedoch der - vor allem österreichischen - Gepflogenheit, ebendieses Niveau auf derlei Events nicht zu hoch anzusetzen, da dies nicht eines gewissen Risikos entbehrt. Hier würde ich mir wünschen wenn man sich sowohl durch Themenwahl als auch durch die Auswahl der Gäste ein bisschen mehr aus der Reserve wagen würde. Vor allem das Fehlen absolut jeglichen Bezugs zur aktuell allerorts diskutierten Thematik der Neuen Medien bzw deren Nutzungsmöglichkeiten und Einfluss auf Lebensgewohnheiten betrachte ich als einen programmatischen Fauxpas.

Die "Stargäste" haben gehalten was sie versprochen haben, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem Buzz Aldrin (Bild) schien es den Besuchern angetan zu haben; zwar hatte nichts des von ihm erzählten irgendeinen besonderen Wert für mich; was vor 40 Jahren so und so gelaufen ist finde ich in diesem Kontext (Consulting-Kongress!) doch recht uninteressant, und so langweilte ich mich zutiefst während seines Auftritts. Aber ich beobachtete den Rest der Leute im Saal und erblickte vor allem beim fast schon euphorischen Schlussapplaus sehr viele glückliche Gesichter (und zwar nicht nur bei den angegrauten Semestern, die ja mit Aldrin tolle Kindheits-/Jugenderinnerungen verbinden). Und darauf kommt's ja letztlich an.

Meine restlichen Eindrücke sind weiter unten in Form meiner gesamm(el)ten Twitter-Aktivität des Kongresstages zusammengefasst.

Drei Um- bzw Missstände waren dann doch recht auffällig und ärgerlich:

Erstens die widerwärtige Qualmerei: bei einem Kongress mit internationalem Anspruch und einem entsprechenden Publikum (letzteres ist von zuhause fast durch die Bank anderes gewöhnt) hat die österreichische Unart des schranken- und rücksichtslosen Rauchens aber rein gar nichts verloren.

Desweiteren war das sprachliche Niveau der österreichischen Teilnehmer unter jeder Kritik. Eine zumindest gute Beherrschung des Englischen sollte für Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik Standard sein. Ist es aber scheinbar nicht einmal ansatzweise.

Und drittens, wie schon in einem Tweet angeschnitten: der beschämend niedrige Frauenanteil. Ich bin ganz und gar kein Freund positiver Diskriminierung oder blind-rigider Quotenregelungen, aber die folgende Frauen-Statistik ist erbärmlich.

Eröffnung: 2 von 10
Panele 1-3: 0 von 20 (Corinna Milborn war bei einem Panel Moderatorin)
Workshops: 9 von 72

Einen weiblichen Stargast gab's in der Vergangenheit übrigens auch noch nicht.

Hier also die Tweets vom Dienstag:

edit: nun wollte ich hier tatsächlich alle tweets mit einem bestimmten tool einbinden. Geht aber nicht, bzw es überlastet die Website. Daher ein embedded Stream via Friendfeed. Hier muss man halt rückwärts lesen. Warum Friendfeed? Weil bei Twitter ältere Tweets manchmal verschwinden. Bei Friendfeed nicht. Als "Archiv" ist es also besser als das Original. Für die Gesamtheit aller Tweets von diesem Tag einfach auf den Link am Ende des Streams klicken.



Photo credit: com.sult

24. Januar 2010

com.sult 2010 - Consulting-Kongress in Wien


Ich könnte hier jetzt vieles zum Thema Consulting-Branche schreiben, und es wäre nicht viel schmeichelhaftes dabei. Ich habe meine Meinung zu Teilen dieses Berufszweigs (man sollte ja natürlich niemals generalisieren!) aber dennoch stellt er einen aus der wirtschaftlichen und politischen Realität nicht wegzudenkenden Faktor dar, der in zahlreichen politischen und unternehmerischen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielt.

Wo eine Branche, da ein Kongress - dachte sich wohl zumindest David Ungar-Klein, als er 2004 den Wiener Consulting-Kongress com.sult ins Leben rief, um dort sein internationales Publikum mit illustren Stargästen aus allen möglichen Bereichen zu beglücken. Ich persönlich konnte mit dieser Seitenblicke-Lugner-Opernballgast-Mentalität nie wirklich etwas anfangen, aber wenn es dem Organisator gelingt für seine darob verzückten Gäste Kapazunder à la Bill Gates (2004), Jack Welch (2005), Shimon Peres (2006), Michael Eisner (2007) oder Steve Forbes (2008) ins kleine Wien zu lotsen, dann bleibt einem einfach nichts anderes übrig als zu sagen: Chapeau! Auch heuer hat man mit Buzz Aldrin und Howard Dean abermals zwei klingende Namen verpflichten können.

Der heurige Kongress (26. Jänner) läuft unter dem Motto "Shape the Future". Das Programm verspricht einige interessante Themen. Aber eine Sache sticht doch ins Auge: zwar lautet das Generalthema "Shape the Future" und wurde Howard Dean unter anderem mit der Begründung geholt, dass er "mit seinem Internet-Wahlkampf 2003-2004, einer Kombination von Weblog, Online-Wahlkampfspenden und der Online-Organisation von Zusammenkünften seiner Anhänger, den Wahlkampfstil der Demokratischen Partei" revolutionierte; was die Programmierung der Workshops betrifft gibt es jedoch nur ein einziges Panel (IKT Strategie 2030: Mehr IKT, mehr Effizienz) das sich eventuell ansatzweise minimalst mit dem äußerst dynamischen Bereich der Neuen Medien und deren Nutzungsmöglichkeiten auseinandersetzen könnte; wobei mich die Workshop-Beschreibung und die Wahl der Gäste (vor allem aus dem Infrastrukturbereich) ohnehin stark daran zweifeln lassen.


Dabei bieten gerade die innovativen und in erhöhter Schlagzahl auftauchenden Instrumentarien des digitalen Wandels zahlreiche Möglichkeiten, verschiedenartigste Organisationsprozesse einer von Grund auf erneuerten, effizienteren Gestaltung zu unterziehen. Letztes Jahr ist man in einem auch entsprechend betitelten Workshop auf dieses Thema eingegangen. Das Niveau war ein relativ bescheidenes, es schwankte zwischen von Teilen des Podiums und des Publikums genährter stereotypenbehafteter, ostentativer Belustigung einerseits und den Bemühungen einer handvoll an Leuten andererseits, die vielfältigen Potentiale der Neuen Medien aufzuzeigen. Was leider dazu führte dass man sich bald in sinnlosen Diskussionen über offen zur Schau gestellte Privatfotos auf Facebook und ähnliches verhedderte.


Tatsache ist jedoch, dass diese Neuen Medien nicht nur zahlreiche unternehmensrelevante Prozesse nachhaltig verändern und verändern werden, sondern natürlich und vor allem auch den Alltag der "Normalsterblichen". Das betrifft zum Beispiel die zwischenmenschliche Kommunikation (bspw der teilweisen "Facebook-isierung" selbiger) und auch unser Medienkonsumverhalten generell (zB das baldige Aussterben des Printbereichs). Ich würde also doch meinen, dass es Consultants zupass kommen würde sich auch in diesem Bereich neues Wissen anzueignen, um ihren Klienten entsprechende mögliche Strategieadjustierungen vorschlagen zu können (bspw in der externen Unternehmenskommunikation). 2009 scheint hier der Turning Point gewesen zu sein, haben diese Neuen Medien wohl definitiv den Sprung aus der Nerd-Ecke geschafft und ihren Anspruch auf einen fest verankerten Platz in unserem privaten und professionellen Alltag eindrucksvoll gefestigt. Diese Entwicklung wird nicht nur durch exponential steigende Nutzerzahlen untermauert, sondern auch durch großzügige Investitionsportfolios, die mitunter auch bedeutende Unternehmen in diesen Bereich aufzubringen bereit sind, um eben diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Panele in deren Titel "Strategie 2030" aufscheint mögen zwar reißerisch-visionär klingen, auf mich wirken sie eher bemüht-utopisch und entbinden das Podium aufgrund des überlangfristigen Horizonts jeglicher Bemüßigung, dem Publikum Konkretes zu präsentieren, das über Schlagwort- und Allgemeinplätze-Dropping und das unklar-schemenhafte Umreißen zukünftiger Perspektiven hinausgehen könnte.

[Mein - weil extrem euphemistisch betitelter - "Lieblings"-Workshop wäre ja sowieso "Rumänien: Ziel für Investments nach der Krise", da ich mir ziemlich sicher bin dass dieses Land nicht einmal ansatzweise auf dem Weg der Besserung ist, sondern das schlimmste noch bevor steht]


Nichtsdestotrotz freue ich mich auf einen spannenden Kongress und werde - um diesem doch relativ statisch erscheinenden Event zumindest einen kleinen Touch Neuen-Medien-Winds angedeihen zu lassen - meine Eindrücke Real Time via Twitter kommunizieren. Hierzu werde ich den Hashtag #comsult verwenden. Ein jeder ist eingeladen sich daran zu beteiligen!

Photo credits: www.com.sult.cc

19. Januar 2010

Der Österreichische Film und die (Nicht-)Ursachen seines Erfolgs


Man kennt die Szenerie, aus Kitzbühel und Schladming etwa: ein österreichischer Skirennläufer gewinnt ein Rennen, zehntausende sind live vor Ort und noch einmal ein paar hunderttausend via TV dabei. Und in der ersten Reihe der Gratulanten finden sich ein paar politische Vertreter, die sich auch ein wenig im Glanz des Siegers sonnen wollen, schließlich kann das imagetechnisch vor einer großen Kulisse niemals schaden. Ähnliches spielt sich verständlicherweise auch in anderen Bereichen ab. Man erinnere sich an den Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek. Oder eben an die zahlreichen Auszeichnungen im Filmbereich. Der Unterschied: während der ÖSV eine finanziell über alle Maßen ausgestattete Organisation ist, die ihren Sportlern die weltbesten und professionellsten Rahmenbedingungen zur Entfaltung ihres Talents und zur Ausübung ihres Sports zur Verfügung stellt, gilt das für den Filmbereich nicht einmal ansatzweise. Hier kann man ohne weiteres davon sprechen, dass die zahlreichen Erfolge der jüngeren Vergangenheit nicht dank, sondern trotz des österreichischen Backgrounds der Protagonisten zustande gekommen sind.

Christoph Waltz zum Beispiel: den in Wien geborenen Spross einer richtigen Theater-Familie zieht es schon gleich nach der Schule ins Ausland. Beruflich hat er mit Österreich nur noch sporadisch, und das auch nur am Rande zu tun, sein künstlerischer Lebensmittelpunkt ist es aber nicht (ich erinnere mich immerhin, ihn einmal in einer "Komissar Rex"-Episode gesehen zu haben!).

Michael Hanekes "Das Weiße Band" wurde zwar vom ORF mitfinanziert; allerdings nur mit einem Minderheitenanteil. Konsequenz: der Film wird nun von Deutschland und nicht von Österreich für den Oscar vorgeschlagen; fast zeitgleich mit der Goldenen Palme in Cannes für Haneke im vergangenen Jahr wollten die Küniglberger gar das Film-/Fernseh-Abkommen aufkündigen. Was die Politik betrifft, so konnte diese sich jahrelang nicht und nicht zur versprochenen und angekündigten Steigerung der Filmförderung durchringen. Zumindest an dieser Front scheint da jetzt seit kurzem endlich die Situation beruhigt zu haben. Wenn man sich also vor Augen führt, was die an Potentialen sicherlich nicht arme österreichische Filmwirtschaft in den vielen Jahren des finanziellen Dahindarbens zusätzlich hätte leisten können, dann wirken die Jubelchöre aus den einschlägigen Kreisen doch ziemlich deplatziert.

Photo Credit: pedrosimoes7

14. Januar 2010

Der "Ausländer", des Österreichers liebstes Thema


Österreich erlebte in der jüngeren Vergangenheit vier Monsterskandale mit finanziell desaströsen Auswirkungen für den Steuerzahler.

- Die AUA, die Anfang 2008 den Worten ihres damaligen Vorstandschefs Alfred Ötsch zufolge "saniert" gewesen sein soll, stürzt ab und muss an die Lufthansa verschenkt werden, hinzu kommen noch 500 Mio. Euro "Restrukturierungshilfe", die der österreichische Staat den Deutschen zukommen lässt.Verantwortlich: niemand

- Der Skylink wird den Steuerzahler statt 400 Mio. um die 900 Mio. Euro kosten. Verantwortlich: niemand.

- Die ÖBB fahren 2008 einen Verlust von knapp einer Milliarde ein, Besserung nicht in Sicht. Verantwortlich: niemand.

- Die Hypo Alpe Adria muss vom Staat aufgefangen werden, eine Pleite hätte das Budgetdefizit um 7 Prozentpunkte auf 11% explodieren lassen. Dazu noch Geschäfte mit Mafia-Kreisen aus Ex-Jugoslawien, Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung, Verdacht des Insiderhandels im großen Stil, Spekulationsverluste auf Jersey in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro, etc. Verantwortlich: (noch) niemand, aber immerhin ermittelt auch Bayern in dieser Causa, Hoffnung auf Aufklärung ist also angebracht.

Daneben noch ein paar Neben-"Skandälchen" rund um die Asfinag, den BUWOG-Verkauf und die Spekulationsverluste der Bundesfinanzierungsagentur.

Dass der Aufklärung der Verantwortlichkeit in solch dramatischen Fällen relativ geringe Bedeutung zukommt verwundert nicht. Schließlich ist, wie Hans Rauscher gestern schrieb, das "Ausländer"-Thema das wichtigste Thema. Stimmt, wenn auch etwas anders als er es gemeint hat. Erst vorgestern stach mir ins Auge, dass die mediale Behandlung der zutage getretenen horrenden Spekulationsverluste der Hypo auf Jersey so gut wie kein namhaftes Online-Medium auf die Barrikaden rief, weil stattdessen ein weiteres Kapitel ("Internierung von Asylwerbern") der unrühmlichen Telenovella rund um die Errichtung eines neuen Erstaufnahmezentrums an prominenter Stelle behandelt werden musste.

Es ist interessant, dass ein Land gebannt auf jeden einzelnen Schachzug eines Scheingefechts zwischen Innenministerin, Landeshauptmännern, Parteiobmann, Bürgermeistern, Koalitionspartner, etc. starrt weil es sich eben um das rote Tuch "Ausländer" handelt; geht es aber um zum Himmel schreiende und stinkende Finanzkatastrophen, die sich allesamt nicht nur im Dunstkreis, sondern im direkten Einflussbereich politischer Entscheidungsträger abgespielt haben, bleibt der kollektive Aufschrei aus. In anderen zivilisierten Ländern mit Demokratien westlichen Zuschnitts hätte diese geballte Ladung politischen Versagens und/oder krimineller Machenschaften, sowie das Ausbleiben jeglicher gewichtiger politischer und strafrechtlicher Konsequenzen zu allermindest zu einem dramatischen Legitimationsverlust der Politik geführt; hier bei uns reicht es, den "Ausländern" (ein diffuser Stammtisch-Begriff, der alles mögliche bedeuten kann, der aber trotzdem - oder gerade deshalb - extrem zugkräftig ist) mal wieder eine auf den Deckel zu geben, schon hat man das Volk und den Alten von der Muthgasse besänftigt. Natürlich ist es auch die bekannte österreichische Obrigkeitshörigkeit, die hier gehörig mitspielt und die dazu führt, dass der brave Österreicher sich so ziemlich alles gefallen und einreden lässt. Aber so ein paar Nebelgranaten können auch nicht schaden, schließlich will man ja beispielsweise auch extrem heikle Themen wie eine Verwaltungsreform nicht anfassen müssen. Und die Empfänger nehmen das Ablenkungsangebot dankend an.

À propos Krone: auf der Titelseite der ersten Sonntagsausgabe dieses Jahres wurde Fekter übelst zugerichtet; eine Woche später wetzt sie in der Pressestunde diese Scharte mit dem "Internierungs"-Sager aus. So funktioniert Politik. In Österreich.

Photo credits: e-strategyblog.com

13. Januar 2010

Medienwandel: Der Holzweg der Eliten


Gestern wurden mir das Privileg und das Vergnügen (zweiteres muss ja nicht notgedrungen mit ersterem einher gehen) zuteil, Charles Ritterband, einem ganz großen des deutschsprachigen Journalimus', bei einer Lesung aus seinem vor kurzem erschienenen Buch (Dem Österreichischen auf der Spur) lauschen zu dürfen. Charmant, witzig, intelligent, eloquent, redegewandt, pointierte Auswahl der der Zuhörerschaft dargebotenen Passagen aus diesem scheinbar durch und durch gelungenen Werk, all dies abgerundet durch sein pfiffiges schweizer Flair, dem man dennoch einen ganz leichten österreichischen Einschlag anmerkt - alles in allem also das oben erwähnte Vergnügen.

Danach stellte sich der Autor einigen Fragen. Gleich die erste legte den Finger zielgenau auf eine immer größer und tiefer werdende Wunde, nämlich jener der wirtschaflichen Problemen der NZZ. Man hätte diese Frage auch auf den Printbereich weltweit ausweiten können, befindet sich dieser diesbezüglich doch seit spätestens 2009 offensichtlich im freien Fall. Die Antworten und Erklärungsansätze des Korrespondenten waren jedoch ernüchternd, wenngleich wenig überraschend. Es ist wie sooft bei Diskussionen zum Thema Medienwandel: die sich mittendrin befindenden, die schon seit Jahren und Jahrzehnten engstens mit einem Medium verflochten sind, haben Schwierigkeiten, eine konzise, selbstreflexive und analytisch nüchtern-brauchbare Sicht der Dinge zu entwickeln wenn nun innerhalb allerkürzester Zeit Jahrhunderte alte Medienkonzepte und -modelle im Zuge des disruptiven Medienwandels nicht nur in Frage gestellt werden, sondern gar vollends ausgelöscht zu werden drohen. Das hat rein gar nichts mit einem Mangel an Intelligenz oder intellektueller Flexibilität zu tun. Das kann einem Oscar Bronner genauso passieren wie einem Armin Thurnher.

So werden - korrekterweise - die "beschleunigten technologischen Entwicklungen" als Hauptfaktor für die NZZ-Krise genannt. "Die jungen Leute" konsumierten heute eben hauptsächlich elektronische Medien, so der Zusatz. Jein. Alle nutzen das Internet als Informationsquelle, nicht nur die "jungen Leute". Außerdem ist die demographische Struktur der NZZ-Leser eher nicht geeignet, dem Argument des Wegfalls einer jungen Leserschaft als Grund für die existenzbedrohenden Probleme des Blattes das Wort zu reden. Natürlich kann es jetzt sein dass das recht schwammige "junge Leute" für mich etwas anderes bedeutet als für den etwas älteren Journalisten. Dann wäre jedoch eine Präzisierung notwendig, denn so schwingt bei dieser Bemerkung ein unangenehmer, weil unsachlicher Stereotyp mit. Und letztere sind niemals eine optimale Grundvoraussetzung zur Lösung eines Problems.

Nicht sehr befriedigend erschien mir die Erklärung, der Informationskonsum erfolge heute sehr "flüchtig", man setze sich nicht mehr in Ruhe hin um etwas zu lesen, sondern wird in der reizüberflutenden Real-Time-Informationsgesellschaft permanent mit neuen Meldungen überschüttet. Das stimmt natürlich auch, jedoch ist das ein schon weitaus länger existierendes Phänomen, das zudem auch alle Medien betrifft, nicht nur die Printzeitungen. Dass die rigiden Holzmedien hierbei ihrer flexiblen digitalen Konkurrenz haushoch unterlegen sind ist klar. Auch wäre die Bereitschaft, sich mit tiefer gehenden Beiträgen auseinanderzusetzen, im Sinken begriffen und als er von den "Bleiwüsten" vergangener Tage erzählte schwang doch ein wenig Wehmut mit.


Im Lichte dieses geänderten Informations(konsum)bedürfnisses des Lesers und um diesem gerecht zu werden erfolgte jüngst die Anpassung des NZZ-Layouts, das sich unter anderem durch die intensivere Nutzung von (größeren) Bildern, kürzeren Beiträgen und die Umstellung der Titelseite von fünf auf vier Spalten auszeichnet. Dies missfiele Ritterband allerdings einigermaßen, weil nun seine Artikel plötzlich kürzer sind. Tja, so ist das eben mit den Holzmedien, man bekommt so und soviel Platz, mit dem man dann halt zu Rande kommen muss. Auch wenn dadurch andere Aspekte einer Thematik zu kurz kommen, die man andernfalls einer weitergehenden Analyse zuführen hätte können. Ich bemerke das ja beispielsweise auch oft bei den von mir so gut wie täglich gelesenen Kommentaren im Standard: einerseits sind sie von der Länge her mundgerecht portioniert, andererseits spürt man oftmals regelrecht die Selbstrestriktion des Journalisten angesichts einer layoutbedingt unbarmherzigen Längenvorgabe. Wenn mir hingegen gelüstet kann ich diesen Blogbeitrag hier ewig lang werden lassen, so viele Facetten beleuchten wie ich will (das wäre wohl nicht im Sinne der Readability) und könnte somit meine eigene Pixel- statt Bleiwüste schaffen. Und hätte Ritterband die publizistischen Möglichkeiten eines Blogs, dann wär ihm das wohl nur allzu Recht, denn dann könnte er ja genau jene in die Tiefe gehenden Beiträge erstellen, an denen es heutzutage ihm zufolge fehlt und an deren technischen Voraussetzungen es mehr und mehr zu mangeln scheint.

Nicht ganz ohne Stolz erzählte er vom ausgeklügelten und effizienten Distributionssystem der internationalen Ausgabe der NZZ, das es erlaubt, alle österreichischen Abonnenten frühmorgens von Passau aus mit der neuesten Ausgabe zu beliefern. Nun ja, wenn ich in der früh meinen Computer oder mein Mobiltelefon zwecks Lesens von Nachrichten anwerfe, dann ist das wohl um einiges effizienter, würde ich meinen. Für die Printversion werden Bäume gefällt, diese zu Papier verarbeitet, welches dann zu einer Druckerei transportiert werden muss. Dort müssen teure Maschinen unter Mitwirkung und Aufsicht bezahlter Mitarbeiter das physische Endprodukt herstellen, welches dann seinerseits zum Endkunden transportiert werden muss. Warum sollte ich bereit sein, für diese im Laufe dieses Prozesses anfallenden Material-, Personal-, Transport-, Energie- und Mietkosten zu bezahlen? Damit ich dann eine potentiell veraltete Information in Händen halten kann? Damit ich die Haptik des Umblätterns genießen kann? Wohlwissend, dass mir im Gegensatz zu einer elektronischen Variante viele Vorteile verloren gehen?

Die Zeitung (und damit ist wohl die Printversion gemeint) hingegen werde immer mehr zu einem Produkt für die Eliten. Was er damit meint? Vielleicht, dass das Medium Zeitung immer teurer und somit für immer weniger Bevölkerungsschichten leistbar sein wird. Vielleicht meint er damit aber auch dass dieses Medium werthaltiger sei als die von den "Nicht-Eliten" verwendeten Informationskanäle. Beide Varianten sind nicht haltbar; denn 10 Euro wird niemand für ein objektiv gesehen in allen Belangen krass unterlegenes Produkt zahlen; und dass eine gedruckte Information wertvoller wäre als eine digitale, das ist eine durch Erziehung, Tradition, Gewohnheit und nicht zuletzt intrinsische Knappheit der Old School-Medien (im Gegensatz zu den in überwältigendem Ausmaß vorhandenen Möglichkeiten der digitalen Welt) geschaffene Illusion. Genauso wie eine Gutenberg-Bibel nicht weniger wert war als eine händisch von einem Kopiermönch geschriebene, nur weil letztere in der Produktion weitaus aufwändiger war.

Ritterband hat die neuen Medien nicht explizit verteufelt (so wie es andere seiner Kollegen machen). Aber die einseitige Betrachtung des unumkehrbaren Medienwandels, das fehlende Eingehen auf die positiven Seiten der neuen Kommunikations- und Informationskanäle und die eklatante (und fast schon larmoyante) Fixierung auf vergangenheitsbezogene und demnächst obsolete Grundsätze lassen zumindest erahnen was er von ihnen hält. Qualitätsjournalismus wie ihn Ritterband produziert wird es immer geben. Ob er dem Leser auf totem Holz oder einem Display serviert wird, die Antwort auf diese Frage steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Photo Credits: pingu1983, Alex Barth,

11. Januar 2010

Österreich als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes


Perfektes Timing. Im Rahmen des samstäglichen Ausgehens landeten ich und einige Freunde abermals mitten in einer durch die im entsprechenden Lokal herrschenden Atemluftverhältnisse regelrecht aufoktroyierten Diskussion über die Karrikatur eines Gesetzes, das zwar schon seit mittlerweile einem Jahr in "Kraft" ist, in der Realität jedoch kaum Anwendung findet. Am nächsten Morgen erwartet mich dann vor der Wohnungstür das neue Profil, das sich in der neuesten Coverstory mit eben diesem Um- bzw. Missstand auseinandersetzt.

Viele kennen das Gefühl: man kommt nachhause, die Kleidungsstücke verfügen bis hin zur Unterhose über die äußerst reizvollen olfaktorischen Charakteristika eines nett gefüllten Aschenbechers, und die (gesamte!) Körperbehaarung ebenso. Ah: ungesund ist das ganze ja auch noch. Und zwar so richtig. 11.000 Menschen sterben jährlich in Österreich an den Folgen des Aktiv-, 1.000 an den Folgen des Passivrauchens (das Gesundheitsministerium spricht gar von insgesamt 14.000 Toten). COPD ist seit Jahren auf dem unaufhaltbaren Vormarsch. Mit 36,3% ist Österreich Weltranglistenerster was den Raucheranteil betrifft.

Um dieser Situation entgegenzuwirken (bzw um wohl eher einer in nicht allzuferner Zukunft anstehenden EU-Richtlinie zuvorzukommen) wurde vor einem Jahr das Scheingesetz zum Nichtraucherschutz eingeführt. In Kraft getreten ist es jedoch höchstens auf dem Papier. Schiffbruch mit Ansage. Alle Beobachter waren sich einig, dass dieses Gesetz rein gar nichts an der Situation ändern würde. Und genauso ist es auch gekommen. Die Vorgaben waren schwammig, die behördlichen Kontrollen praktisch kaum vorhanden. Zwar machten sich ein paar medial eher als revoluzzelnde Wirrköpfe dargestellte Aktivisten daran, so viele Verstöße wie nur möglich zu dokumentieren und zur (anonymen) Anzeige zu bringen. Geändert hat dies allerdings wenig bis gar nichts, und somit geht die Geiselhaft auch bis heute munter weiter. Denn immerhin findet sich österreichweit eine komfortable 2/3-Mehrheit für ein generelles Rauchverbot. EU-weit ist die Zustimmung sogar höher.

Was den öffentlichen Diskurs zu diesem Thema betrifft, so könnte man sich an das Bundesland Kärnten erinnert fühlen: treib Schabernack soviel du kannst, gib dir ja nicht die Mühe ernst genommen zu werden, wirf mit Halbwahrheiten um dich, und du wirst erfolgreich sein. Da wurden merkwürdige Kampagnen gestartet ("Die deutsche Frau raucht nicht, sondern gebärt Kinder") und auch von ansonsten überdurchschnittlich intelligenten Zeitgenossen (zB paradigmatisch für die Verharmlosung, wenngleich auf scheinbar hohem Niveau: Robert Misik, hier die Replik dazu) hört man wirrstes Zeug. Andere beklagen den Eingriff in den Handlungs- und Lebensgestaltungsspielraum des mündigen Bürgers. Hierbei stellt sich natürlich die Frage ob man Nikotinsüchtler als mündig bezeichnen sollte. Dem Substi-Anbieter in der Karlsplatzpassage würden ja die meisten auch nicht dieses Attribut zugestehen.


Und die hanebüchene Argumentation der Gastronomie führt sich angesichts konkreter Zahlen aus anderen Ländern ohnehin von selbst ad absurdum. Vom Lokalsterben ist landauf, landab die Rede, vom Niedergang der Wirte, von Umsatzeinbußen in unschätzbarer Höhe. Aus keinem der Hardcore-Rauchverbot-Länder ist von einem Massensterben in der Gastronomie zu hören. Warum auch. Weshalb Angst vor einem Gesetz haben, das alle Konkurrenten gleich stark trifft? In Clubs und Diskotheken in Frankreich stinkt es zwar zuweilen bestialisch nach Schweiß, aber an Passivgestank ist meines Wissens nach noch niemand gestorben. Auch die Tabakindustrie wusste nicht von Umsatzeinbußen zu berichten. Auf die gesamtwirtschaftlichen Kosten einer explodierenden Zahl von Raucherkranken (die man natürlich behandelt und nicht sterben lässt) kommt aber selten jemand zu sprechen. Hingegen konnte eine klare Positionierung so manchem Betrieb gar kräftige Umsatzsteigerungen bescheren, wie das Beispiel des Café Griensteidl zeigt. Andere Lokalbesitzer investierten kräftig in bauliche Trennungen, stehen nun allerdings wie Vollidioten da weil ohnehin niemand kontrolliert.

Kein Wunder also, dass Österreich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen her in einem Atemzug mit den Rauch-El-Dorados Serbien, Montenegro und Albanien genannt wird. Österreich also als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes.

Linktipp: Facebook-Gruppe "Rauchverbot in Lokalen"

Photo credit: ISO 1987