13. Januar 2010

Medienwandel: Der Holzweg der Eliten


Gestern wurden mir das Privileg und das Vergnügen (zweiteres muss ja nicht notgedrungen mit ersterem einher gehen) zuteil, Charles Ritterband, einem ganz großen des deutschsprachigen Journalimus', bei einer Lesung aus seinem vor kurzem erschienenen Buch (Dem Österreichischen auf der Spur) lauschen zu dürfen. Charmant, witzig, intelligent, eloquent, redegewandt, pointierte Auswahl der der Zuhörerschaft dargebotenen Passagen aus diesem scheinbar durch und durch gelungenen Werk, all dies abgerundet durch sein pfiffiges schweizer Flair, dem man dennoch einen ganz leichten österreichischen Einschlag anmerkt - alles in allem also das oben erwähnte Vergnügen.

Danach stellte sich der Autor einigen Fragen. Gleich die erste legte den Finger zielgenau auf eine immer größer und tiefer werdende Wunde, nämlich jener der wirtschaflichen Problemen der NZZ. Man hätte diese Frage auch auf den Printbereich weltweit ausweiten können, befindet sich dieser diesbezüglich doch seit spätestens 2009 offensichtlich im freien Fall. Die Antworten und Erklärungsansätze des Korrespondenten waren jedoch ernüchternd, wenngleich wenig überraschend. Es ist wie sooft bei Diskussionen zum Thema Medienwandel: die sich mittendrin befindenden, die schon seit Jahren und Jahrzehnten engstens mit einem Medium verflochten sind, haben Schwierigkeiten, eine konzise, selbstreflexive und analytisch nüchtern-brauchbare Sicht der Dinge zu entwickeln wenn nun innerhalb allerkürzester Zeit Jahrhunderte alte Medienkonzepte und -modelle im Zuge des disruptiven Medienwandels nicht nur in Frage gestellt werden, sondern gar vollends ausgelöscht zu werden drohen. Das hat rein gar nichts mit einem Mangel an Intelligenz oder intellektueller Flexibilität zu tun. Das kann einem Oscar Bronner genauso passieren wie einem Armin Thurnher.

So werden - korrekterweise - die "beschleunigten technologischen Entwicklungen" als Hauptfaktor für die NZZ-Krise genannt. "Die jungen Leute" konsumierten heute eben hauptsächlich elektronische Medien, so der Zusatz. Jein. Alle nutzen das Internet als Informationsquelle, nicht nur die "jungen Leute". Außerdem ist die demographische Struktur der NZZ-Leser eher nicht geeignet, dem Argument des Wegfalls einer jungen Leserschaft als Grund für die existenzbedrohenden Probleme des Blattes das Wort zu reden. Natürlich kann es jetzt sein dass das recht schwammige "junge Leute" für mich etwas anderes bedeutet als für den etwas älteren Journalisten. Dann wäre jedoch eine Präzisierung notwendig, denn so schwingt bei dieser Bemerkung ein unangenehmer, weil unsachlicher Stereotyp mit. Und letztere sind niemals eine optimale Grundvoraussetzung zur Lösung eines Problems.

Nicht sehr befriedigend erschien mir die Erklärung, der Informationskonsum erfolge heute sehr "flüchtig", man setze sich nicht mehr in Ruhe hin um etwas zu lesen, sondern wird in der reizüberflutenden Real-Time-Informationsgesellschaft permanent mit neuen Meldungen überschüttet. Das stimmt natürlich auch, jedoch ist das ein schon weitaus länger existierendes Phänomen, das zudem auch alle Medien betrifft, nicht nur die Printzeitungen. Dass die rigiden Holzmedien hierbei ihrer flexiblen digitalen Konkurrenz haushoch unterlegen sind ist klar. Auch wäre die Bereitschaft, sich mit tiefer gehenden Beiträgen auseinanderzusetzen, im Sinken begriffen und als er von den "Bleiwüsten" vergangener Tage erzählte schwang doch ein wenig Wehmut mit.


Im Lichte dieses geänderten Informations(konsum)bedürfnisses des Lesers und um diesem gerecht zu werden erfolgte jüngst die Anpassung des NZZ-Layouts, das sich unter anderem durch die intensivere Nutzung von (größeren) Bildern, kürzeren Beiträgen und die Umstellung der Titelseite von fünf auf vier Spalten auszeichnet. Dies missfiele Ritterband allerdings einigermaßen, weil nun seine Artikel plötzlich kürzer sind. Tja, so ist das eben mit den Holzmedien, man bekommt so und soviel Platz, mit dem man dann halt zu Rande kommen muss. Auch wenn dadurch andere Aspekte einer Thematik zu kurz kommen, die man andernfalls einer weitergehenden Analyse zuführen hätte können. Ich bemerke das ja beispielsweise auch oft bei den von mir so gut wie täglich gelesenen Kommentaren im Standard: einerseits sind sie von der Länge her mundgerecht portioniert, andererseits spürt man oftmals regelrecht die Selbstrestriktion des Journalisten angesichts einer layoutbedingt unbarmherzigen Längenvorgabe. Wenn mir hingegen gelüstet kann ich diesen Blogbeitrag hier ewig lang werden lassen, so viele Facetten beleuchten wie ich will (das wäre wohl nicht im Sinne der Readability) und könnte somit meine eigene Pixel- statt Bleiwüste schaffen. Und hätte Ritterband die publizistischen Möglichkeiten eines Blogs, dann wär ihm das wohl nur allzu Recht, denn dann könnte er ja genau jene in die Tiefe gehenden Beiträge erstellen, an denen es heutzutage ihm zufolge fehlt und an deren technischen Voraussetzungen es mehr und mehr zu mangeln scheint.

Nicht ganz ohne Stolz erzählte er vom ausgeklügelten und effizienten Distributionssystem der internationalen Ausgabe der NZZ, das es erlaubt, alle österreichischen Abonnenten frühmorgens von Passau aus mit der neuesten Ausgabe zu beliefern. Nun ja, wenn ich in der früh meinen Computer oder mein Mobiltelefon zwecks Lesens von Nachrichten anwerfe, dann ist das wohl um einiges effizienter, würde ich meinen. Für die Printversion werden Bäume gefällt, diese zu Papier verarbeitet, welches dann zu einer Druckerei transportiert werden muss. Dort müssen teure Maschinen unter Mitwirkung und Aufsicht bezahlter Mitarbeiter das physische Endprodukt herstellen, welches dann seinerseits zum Endkunden transportiert werden muss. Warum sollte ich bereit sein, für diese im Laufe dieses Prozesses anfallenden Material-, Personal-, Transport-, Energie- und Mietkosten zu bezahlen? Damit ich dann eine potentiell veraltete Information in Händen halten kann? Damit ich die Haptik des Umblätterns genießen kann? Wohlwissend, dass mir im Gegensatz zu einer elektronischen Variante viele Vorteile verloren gehen?

Die Zeitung (und damit ist wohl die Printversion gemeint) hingegen werde immer mehr zu einem Produkt für die Eliten. Was er damit meint? Vielleicht, dass das Medium Zeitung immer teurer und somit für immer weniger Bevölkerungsschichten leistbar sein wird. Vielleicht meint er damit aber auch dass dieses Medium werthaltiger sei als die von den "Nicht-Eliten" verwendeten Informationskanäle. Beide Varianten sind nicht haltbar; denn 10 Euro wird niemand für ein objektiv gesehen in allen Belangen krass unterlegenes Produkt zahlen; und dass eine gedruckte Information wertvoller wäre als eine digitale, das ist eine durch Erziehung, Tradition, Gewohnheit und nicht zuletzt intrinsische Knappheit der Old School-Medien (im Gegensatz zu den in überwältigendem Ausmaß vorhandenen Möglichkeiten der digitalen Welt) geschaffene Illusion. Genauso wie eine Gutenberg-Bibel nicht weniger wert war als eine händisch von einem Kopiermönch geschriebene, nur weil letztere in der Produktion weitaus aufwändiger war.

Ritterband hat die neuen Medien nicht explizit verteufelt (so wie es andere seiner Kollegen machen). Aber die einseitige Betrachtung des unumkehrbaren Medienwandels, das fehlende Eingehen auf die positiven Seiten der neuen Kommunikations- und Informationskanäle und die eklatante (und fast schon larmoyante) Fixierung auf vergangenheitsbezogene und demnächst obsolete Grundsätze lassen zumindest erahnen was er von ihnen hält. Qualitätsjournalismus wie ihn Ritterband produziert wird es immer geben. Ob er dem Leser auf totem Holz oder einem Display serviert wird, die Antwort auf diese Frage steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Photo Credits: pingu1983, Alex Barth,

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