11. Januar 2010

Österreich als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes


Perfektes Timing. Im Rahmen des samstäglichen Ausgehens landeten ich und einige Freunde abermals mitten in einer durch die im entsprechenden Lokal herrschenden Atemluftverhältnisse regelrecht aufoktroyierten Diskussion über die Karrikatur eines Gesetzes, das zwar schon seit mittlerweile einem Jahr in "Kraft" ist, in der Realität jedoch kaum Anwendung findet. Am nächsten Morgen erwartet mich dann vor der Wohnungstür das neue Profil, das sich in der neuesten Coverstory mit eben diesem Um- bzw. Missstand auseinandersetzt.

Viele kennen das Gefühl: man kommt nachhause, die Kleidungsstücke verfügen bis hin zur Unterhose über die äußerst reizvollen olfaktorischen Charakteristika eines nett gefüllten Aschenbechers, und die (gesamte!) Körperbehaarung ebenso. Ah: ungesund ist das ganze ja auch noch. Und zwar so richtig. 11.000 Menschen sterben jährlich in Österreich an den Folgen des Aktiv-, 1.000 an den Folgen des Passivrauchens (das Gesundheitsministerium spricht gar von insgesamt 14.000 Toten). COPD ist seit Jahren auf dem unaufhaltbaren Vormarsch. Mit 36,3% ist Österreich Weltranglistenerster was den Raucheranteil betrifft.

Um dieser Situation entgegenzuwirken (bzw um wohl eher einer in nicht allzuferner Zukunft anstehenden EU-Richtlinie zuvorzukommen) wurde vor einem Jahr das Scheingesetz zum Nichtraucherschutz eingeführt. In Kraft getreten ist es jedoch höchstens auf dem Papier. Schiffbruch mit Ansage. Alle Beobachter waren sich einig, dass dieses Gesetz rein gar nichts an der Situation ändern würde. Und genauso ist es auch gekommen. Die Vorgaben waren schwammig, die behördlichen Kontrollen praktisch kaum vorhanden. Zwar machten sich ein paar medial eher als revoluzzelnde Wirrköpfe dargestellte Aktivisten daran, so viele Verstöße wie nur möglich zu dokumentieren und zur (anonymen) Anzeige zu bringen. Geändert hat dies allerdings wenig bis gar nichts, und somit geht die Geiselhaft auch bis heute munter weiter. Denn immerhin findet sich österreichweit eine komfortable 2/3-Mehrheit für ein generelles Rauchverbot. EU-weit ist die Zustimmung sogar höher.

Was den öffentlichen Diskurs zu diesem Thema betrifft, so könnte man sich an das Bundesland Kärnten erinnert fühlen: treib Schabernack soviel du kannst, gib dir ja nicht die Mühe ernst genommen zu werden, wirf mit Halbwahrheiten um dich, und du wirst erfolgreich sein. Da wurden merkwürdige Kampagnen gestartet ("Die deutsche Frau raucht nicht, sondern gebärt Kinder") und auch von ansonsten überdurchschnittlich intelligenten Zeitgenossen (zB paradigmatisch für die Verharmlosung, wenngleich auf scheinbar hohem Niveau: Robert Misik, hier die Replik dazu) hört man wirrstes Zeug. Andere beklagen den Eingriff in den Handlungs- und Lebensgestaltungsspielraum des mündigen Bürgers. Hierbei stellt sich natürlich die Frage ob man Nikotinsüchtler als mündig bezeichnen sollte. Dem Substi-Anbieter in der Karlsplatzpassage würden ja die meisten auch nicht dieses Attribut zugestehen.


Und die hanebüchene Argumentation der Gastronomie führt sich angesichts konkreter Zahlen aus anderen Ländern ohnehin von selbst ad absurdum. Vom Lokalsterben ist landauf, landab die Rede, vom Niedergang der Wirte, von Umsatzeinbußen in unschätzbarer Höhe. Aus keinem der Hardcore-Rauchverbot-Länder ist von einem Massensterben in der Gastronomie zu hören. Warum auch. Weshalb Angst vor einem Gesetz haben, das alle Konkurrenten gleich stark trifft? In Clubs und Diskotheken in Frankreich stinkt es zwar zuweilen bestialisch nach Schweiß, aber an Passivgestank ist meines Wissens nach noch niemand gestorben. Auch die Tabakindustrie wusste nicht von Umsatzeinbußen zu berichten. Auf die gesamtwirtschaftlichen Kosten einer explodierenden Zahl von Raucherkranken (die man natürlich behandelt und nicht sterben lässt) kommt aber selten jemand zu sprechen. Hingegen konnte eine klare Positionierung so manchem Betrieb gar kräftige Umsatzsteigerungen bescheren, wie das Beispiel des Café Griensteidl zeigt. Andere Lokalbesitzer investierten kräftig in bauliche Trennungen, stehen nun allerdings wie Vollidioten da weil ohnehin niemand kontrolliert.

Kein Wunder also, dass Österreich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen her in einem Atemzug mit den Rauch-El-Dorados Serbien, Montenegro und Albanien genannt wird. Österreich also als Ouagadugu des Nichtraucherschutzes.

Linktipp: Facebook-Gruppe "Rauchverbot in Lokalen"

Photo credit: ISO 1987

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen