4. Februar 2010

Holocaust, Judenstern und "Arbeit macht froh"

Holocaust sells. Nein, das ist jetzt kein Plädoyer für Wirrköpfe à la Norman Finkelstein, die sich von Antisemiten jeglicher Couleur hofieren und abfeiern lassen sowie einen Batzen Geld damit verdienen indem sie den Juden vorwerfen, sich mithilfe der sogenannten "Holocaust-Industrie" bereichern zu wollen (seine weiteren kruden Thesen durfte Finkelstein letztes Jahr auch im Falter darlegen). Hier geht es um einen gänzlich anderen Aspekt. Nämlich die Instrumentalisierung der Shoah (bzw bestimmter Teilaspekte selbiger) zum Ziele der besseren, Aufmerksamkeit erregenden Promotion der eigenen Causa.

Jüngstes Beispiel ist die vom Hundemagazin "Wuff" organisierte Protestbewegung gegen den verpflichtenden Führschein für Kampfhundehalter. Natürlich negiert der Herausgeber des Magazins jegliche Intention, hier bewusst Parallelen mit dem Judenstern ziehen zu wollen. Wobei er sich natürlich in Widersprüchlichkeiten verheddert, wenn er meint, man habe "bewusst keinen Judenstern verwendet" sondern "einfach" nur einen Stern, der jedoch Brandmarkung und eine drohende "Rassenverfolgung" symbolisieren solle. Aha, also keine Parallelen zum Judenstern.

Der Judenstern als Symbol der Brandmarkung, auf diese glorreiche Idee kamen vor zwei Jahren auch die Erfinder des sogenannten "Rauchershirts". Mit diesem "wohl aggressivsten Raucher-Widerstands-Shirt" wollte man der Gesellschaft die "schändliche Ausgrenzung" von Rauchern vor Augen führen. Weiter hieß es: "Der Raucher wird nach jahrzehntelanger Duldung zum Aussetzigen (sic!), ja Menschen 2ter Klasse denunziert". Nach kurzer Zeit wurde der Verkauf der T-Shirts eingestellt.

In allzuguter Erinnerung sind noch die "Holocaust auf Ihrem Teller"-Sujets der Tierschutzorganisation PETA, die sich vor einigen Jahren dem geschmacklosen Vergleich von Massenhaltungstieren mit KZ-Insaßen hingab. In Deutschland wurde PETA deshalb wegen Verhetzung verurteilt, in Österreich wurde die Kampagne vom OGH für rechtmäßig erklärt.

Für weniger Aufhebens sorgte 2005 eine Werbekampagne der Wiener Arbeiterkammer unter dem Motto "Arbeit macht froh" vom Künstlerduo Deutschbauer/Spring. Im Gegensatz zur "Wuff"-Kampagne versuchten die Verantwortlichen hier allerdings erst gar nicht, eine bewusste Provokation abzustreiten. Da fallen auch schon mal Statements wie dass Kunst eben "nie konsensfähig" sei, dass es sich um einen "brisanten, vorsätzlich inkorrekten Titel" handle, dass die Plakatserie "als Reaktion auf die herrschenden Arbeitsbedingungen zu verstehen" sei oder Abstrusitäten wie "Da geht es schon darum, dass es einen kurz reißt, wenn man daran vorbeifährt; es geht um das Erzeugen von Ambivalenz - und zwar durch einen bestimmten Lesefehler des historisch belasteten Satzes. Wir sehen eine Art 'Frohheit' anstelle einer 'Freiheit', deren Zynismus unübertreffbar ist. Damit transponieren wir die Arbeitsverhältnisse vom Konzentrationslager in eine Art 'Dekonzentrationslager', eine Stätte der gezwungenen Unterhaltung."

Immerhin sind die Protagonisten der drei letzten Beispiele ehrlich. Die Initiatoren der "Wuff"-Kampagne müssen sich hingegen wahlweise den Vorwurf der Ignoranz oder der Lüge gefallen lassen - es steht jedem frei sich für das eine oder das andere zu entscheiden.

Was sagt dieser Missbrauch des Holocaust über die jeweiligen Proponenten aus? Einerseits versuchen sie ihre Botschaft mit der größtmöglichen Schockwirkung zu vermitteln, und offensichtlich erscheint ihnen der Holocaust als am besten geeignet, dieses gewünschte Maß an Schockwirkung entfalten zu können; man kann ihnen also konzedieren dass sie sich über die Tragweite und die Einmaligkeit der industriellen Massenvernichtung durch die Nazis im Klaren sind. Andererseits entblöden sie sich nicht, die Nazi-Gräuel durch die auf Effekthascherei basierenden Gegenüber- und Gleichstellung mit ihren Anliegen zu banalisieren und damit zu verharmlosen. Nicht mehr und nicht weniger.

Zuguterletzt ist diese Holocaust-Masche aber auch nichts anderes als das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, auf andere Art und Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Wuff.

EDIT: Na wer sagt's denn. Geht also doch! Die Erklärung zeugt zwar abermals nicht von besonderer Intelligenz, aber das tut ja auch die Kampagne insgesamt nicht.

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