13. März 2010

Über Lügen und "kluge Wähler"

"The bigger the lie, the more they believe"
Bunk, The Wire, Staffel 5, Episode 1

In der gestrigen Ausgabe des Standard empörte sich Alexandra Föderl-Schmid über Politiker, die ohne Genierer ihr Wahlvolk belügen, und schwang sich am Ende ihrer durch verschiedene Beispiele der jüngeren Vergangenheit gespickten Argumentation zur Feststellung hoch, ebendieses Wahlvolk wäre "klüger, als Politiker glauben" und empfindet es als "erstaunlich, für wie dumm manche Politiker die Bürger halten und nichts dabei finden, die Wähler zu belügen".


Ich begreife diese Verwunderung nicht. Solch Rehäuglein-mäßige Naivität hätte ich mir an dieser Stelle nicht erwartet.


Klar lügen Politiker was das Zeug hält. Klar ist ein Großteil des Wahlvolks dumm und vergesslich. Und wenn Föderl-Schmid ins Treffen führt, dass die Menschen doch Zeitung lesen und dadurch immun gegen allerlei Flunkereien sein müssten, dann ist das nichts anderes als deontologische Unbedarftheit, die mit der Realität (vor allem der österreichischen, durch 3 Millionen Krone-Leser geprägten) rein gar nichts zu tun hat.


Das "Wahlvolk" lässt schon seit Jahr und Tag Unwahrheiten sanktionsfrei über die Bühne gehen. Und bettelt regelrecht darum, auch weiterhin belogen zu werden. Dieses Jahrzehnt begann schon mit einer der größten politischen Lügen der Zweiten Republik: "Wenn wir Dritter werden, gehen wir in Opposition", ihr folgten weitere nonchalante Lügen sonder Zahl und dennoch keine Konsequenzen. Die folgenden Regierungen waren da nicht besser, man erinnere sich an die zahlreichen "Umfaller" Gusenbauers, die im Endeffekt seine unzähligen Wahlversprechungen zur Gänze pervertiert haben. Das System Haider in Kärnten lebte ausschließlich vom Täuschen und Tarnen. Aber genauso wie wirtschaftliche und politische Skandale in Österreich in der Regel wenig Aussicht auf Aufarbeitung haben, genauso lässt das achso clevere, aufgeklärte und nichts vergessende "Wahlvolk" seine politischen Verantwortlichen gewähren. Bei vollkommen "dummen" und in ihrer Gesamtbedeutung banalen Pseudo-Themen à la Eberau und Arigona wird die Sensorik sogleich aktiviert; geht es jedoch um Steuererhöhungen (bzw deren vor ein paar Monaten in Abrede gestellte Notwendigkeit) schluckt man alles runter und scheint auch noch einen Nachschlag haben zu wollen.


Natürlich hat Föderl-Schmid recht, wenn sie diese Missstände aufzeigt und sozusagen das Erinnerungsvermögen ihrer Leserschaft auf Trab bringen, bzw dieses sogar ersetzen will. Aber einen auf jungfräuliche Deontologin machen, so als wär man ein Fisch im Aquarium, dessen Horizont nicht weiter reicht als bis zur nächsten Glaswand, das stimmt bedenklich. Einen Zusammenhang analytisch erkennen und seiner Leserschaft kommunizieren zu können ist eines; ein Journalist sollte sich allerdings des gesellschaftspolitischen Kontexts bewusst sein, innerhalb dessen er sich bewegt. Idealtypische, pseudoparadigmatische Wunschvorstellungen passen da aber nicht hinein.


Also los, weiterlügen!


Photo credit: davideferro.net

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