5. April 2010

Wien

Vor einigen Tagen postete ich an dieser Stelle ein Video welches die schönen Seiten dieser Stadt auf besonders künstlerische und eindrucksvolle Art und Weise einzufangen vermochte. Dabei war dieses Video vom Produzenten eigentlich nur dazu gedacht, das Kamera-Equipment auszutesten. Dennoch erhielt das Video bei mir auf Facebook ein vielfaches an Likes und positiven Kommentaren im Vergleich zu diesem, kurze Zeit später geposteten. Sardonisch meinte ich zu einem Bekannten: kein Wunder, in dem Video gibts fast keine Wiener, und wenn, dann nur in einer Statistenrolle in der sie zum Kuschen verdammt sind; unter diesen Umständen käme man doch nicht umhin, Wien zu mögen.

Gestern führte ich, unabhängig voneinander, zufällig 2 Gespräche mit 2 Israelis: der eine lebt schon lange in Wien, der andere ist hier "nur zu Besuch".

Ersterer erklärte gerade jemandem warum er seine Kinder nach der Schule allesamt weggeschickt hatte aus Österreich. Ich klinkte mich in das Gespräch ein, und wir kamen innert kürzester Zeit drauf dass wir eh der gleichen Meinung waren. Die ursprüngliche Diskussionpartnerin konnte das beim besten Willen nicht nachvollziehen, ist Wien doch in ihren Augen so eine "fantastische" Stadt.

Ich erklärte ihr in Kurzfassung, was ich ein paar Stunden zuvor dem oben angesprochenen Touristen Länge mal Breite klarzumachen versucht hatte, sprich: was mich denn an Wien so alles störe. Beziehungsweise an Österreich, denn für mich existiert dieses Land außerhalb der erweiterten Wiener Stadtgrenzen nicht wirklich, das ist eine Welt mit der ich nix anfangen kann. Ich habe mit einem Menschen aus Austin gefühlsmäßig mehr gemeinsam als mit einem Landsmann aus Oberwart (sorry, random shot), auch wenn mich mit diesem eine gewisse räumliche Proximität und der Reisepass verbinden. Das ist jetzt nicht Ausdruck großstädtisch-überheblicher Geringschätzung; es ist einfach so. Es ist meine Schuld, nicht eure. Ich mag die Natur, ich mag den Cobenzl, den Kahlenberg und die Alte Donau, aber diese Natur sollte dann doch in Reichweite einer entwickelten großstädtischen Infrastruktur sein. Nicht dass man jetzt jeden Tag in die Oper, ins Museum, in den Underground-Club oder ins neueste Restaurant im siebten Hieb gehen wollen würde; nicht dass man jetzt tagtäglich den großurbanen Multikulturalismus (seien es nun Migrationshintergründler oder Touristen) einer Metropole wie Wien suchen wollen würde. Aber die Gewissheit, das Feeling, all dies at your fingertips zu haben und bei Bedarf ad hoc abrufen zu können, das kann schon was. Und dafür nimmt man auch die paar negativen Aspekte des Großstadtlebens in Kauf (Lärm, Schmutz, eh das übliche..).

Nichtsdestotrotz scheint man es da mit Wien dann doch nicht so schlecht erwischt zu haben, sieht man sich die unterschiedlichen Studien zur Lebensqualität an, die die Bundeshauptstadt teilweise gar an erster Stelle weltweit sehen. Das verwundert keinesfalls. Hier gibt's alles. Unbestritten. Wien ist einfach gmiadlich.

Und vermag daher zahlreiche Unzulänglichkeiten zu übertünchen.

Ich werde mich hier jetzt nicht in einer - sicherlich mangelhaften - detaillierten (tiefenpsychologischen) Analyse dieser Defizite ergehen. Und zum Beispiel die noch immer nicht ausgeheilten Phantomschmerzen der Abkömmlinge eines ehemaligen Weltreichs ansprechen. Oder die beschränkt-modrige Kleingeistigkeit eines Landes, das die eigene Intelligenzia vertrieben hat bzw ermorden hat lassen, und sich nicht einmal irgendwie bemüht hat die Restln wieder nach Österreich zurückzuholen. Und die potentielle Intelligenzia von heute/morgen zu verhindern trachtet, weil man - siehe die Studentenproteste letztes Jahr - mental eben nur ein stumpfsinniger Arbeiter- und Bauernstaat ist [symbolisch dafür die jüngste Initiative des ÖAAB - der ja in den letzten Jahren unter Bremsweltmeister Neugebauer zu einem Wurmfortsatz des GÖD und damit quasi zu einer zusätzlichen Beamten-Vertretung mutiert worden ist - der jetzt tatsächlich - hört hört - ein Bildungskonzept (!!) zu präsentieren gedenkt; dafür gab es in der gestrigen/heutigen Krone auch Schützenhilfe vom führscheinpflichtigen Dichand-(Kampf-)Kettenhund Claus Pándi, der vom streichelnden Alten in der Muthgasse das "FASS!"-Kommando in Richtung Claudia Schmied bekommen zu haben scheint, bekommt sie doch in der jüngsten Kolumne ordentlich eine auf die Finger gebissen, ääh.. geklopft].

Oder den in sehr weiten Teilen der Bevölkerung verbreiteten latenten Antisemitismus und die stereotypenbehaftete, dahinschwelende blinde Abneigung gegen alles "Fremde", was mich persönlich weitaus mehr stört als recht(sextrem)e Polit-Rabauken à la Strache und Konsorten, die zumindest keinen Hehl aus ihrer Ideologie machen.

Aber, um es mit den Worten der Sendung ohne Namen zu sagen: naja, das würde jetzt wohl doch zu weit führen.

Schon Maslow zeigte in seiner Pyramide auf, dass sich menschliche Bedürfnisse nicht auf physiologische Umfeld-Faktoren reduzieren ließen und dass der Mensch weitaus mehr als die unteren Bausteine dieses Konstrukts benötige, um sich selbst verwirklichen zu können (was immer dies jetzt im Einzelfall bedeuten möge). Lebensqualitäts-Rankings hin oder her.

Ich lasse lieber österreichische Künstler sprechen, die - jeder auf seine eigene, unnachahmliche Art und Weise - ihr Urteil über Wien/Österreich fällen.

Zum Beispiel Georg Kreisler, der schon vor langem kapiert hat, dass Wien ohne Bevölkerung ein ganz ein feines Plätzchen sein müsste (womit sich der argumentative Kreis zu den ersten Zeilen dieses Texts hier schließt) und seine Abrechnung mit den Wienern mit seiner ihm eigenen, pointierten - und sich nicht immer ernst nehmenden - Gewitztheit perfekt rüberbringt.



Oder Georg Danzer, der in "Loch amoi" auf larmoyant-charmante und über die Grenze zur Resignation hinaus torkelnde Raffinesse das zum Ausdruck bringt, was wohl schon viele - vielleicht eher unbewusst - zumindest zu (ver)spüren geglaubt haben.



Es würde sich wohl auch ein Verweis auf Thomas Bernhard, und da vor allem auf Heldenplatz und Holzfällenanbieten. Letzteres habe ich - als ich noch weitaus jünger war - vor allem wegen der Perfektion der Sprache und des typisch unverkennbaren, lästigen aber dann doch wiederum fesselnden Schreibstils zu schätzen und lieben gelernt (während andere daran geradezu verzweifelten, was mich immer in eine boshaft-genüssliche Schadenfreude versetzte); erst ein paar Jahre später kapierte ich das vermeintliche Österreich(er)-Bashing, in dem ich bis dahin bloß das Stilmittel der Übertreibung gesehen hatte, von der ich allerdings nach und nach draufgekommen bin dass sie keine solche war, sondern einfach nur die abstoßend-erschreckende Realität auf ebenso abstoßend-erschreckende Manier replizierte.

Eine etwas konziliantere Variante wählten Heinz aus Wien mit ihrer Hassliebes-Erklärung an Wien, bei der ich allerdings nie wirklich weiß ob da jetzt mehr Hass (in Form von präzise plazierten Seitenhieben in schmerzvolle Gegenden) oder Liebe im Spiel ist - aber der Song rockt massivst, weshalb er einen auch immer in einer positiven Grundstimmung zurücklässt.



In die Richtung dieser paar Beispiele gingen dann auch meine Erklärungsansätze und Ausführungen.

Beide Israelis fragten mich dann was ich denn dann noch immer hier mache.


Photo credits: denis.todorut

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