31. Mai 2010

Eurovision Song Contest - Über Geschmack lässt sich nicht streiten

"Über Geschmack lässt sich nicht streiten - man hat ihn oder man hat ihn nicht" - Zitat Ich 

Da sag doch mal einer, der ORF würde seinen Bildungsauftrag vernachlässigen. Ich befinde mich zwar nicht in der Position, diesbezüglich ein besonders berücksichtigungswertes Urteil zu fällen, habe ich mir doch vor knapp 3 Jahren ein TV-Verbot auferlegt (mit einigen wenigen, punktuellen Ausnahmen, wie zB bestimmte Informationssendungen, ARTE und dergleichen; Serien sowieso, das ist jedoch ein anderes Thema), aber wenn der ORF Samstag abend nicht den Eurovision Song Contest ausstrahlt und stattdessen den Musikantenstadl bringt, dann kann angesichts der Alternative zweifellos von einem qualitativ hochwertigen Abendprogramm gesprochen werden.

Nach meinem Blog-Beitrag vom Freitag also gleich noch einer über Musik? Mitnichten. Hey, es geht um den Song Contest! Wer Musik - wie Wikipedia - tatsächlich bloß als eine "organisierte Form von Schallereignissen" definiert, der wird auch den ESC als ein musikalisches Event betrachten. Wer jedoch den Song Contest in den letzten etwa 20 Jahren verfolgt hat, der wird wohl schon längst draufgekommen sein dass diese Definition nicht notgedrungen etwas mit der Realität zu tun haben muss. Hier geht es nämlich um alles mögliche, aber am allerwenigsten wohl um Musik. Es ist eine professionellst aufgezogene Show, durchchoreographiert von A bis Z, mit allen Marketing-Wassern gewaschen, mit einer gestalterischen Opulenz ausgestattet wie man sie bei keinem vergleichbaren Event vorfinden kann. Die Moderation, die zugeschalteten Punkte-Verkünder, und nicht zuletzt die Interpreten (ich ziere mich hier bewusst, das Wort "Künstler" zu verwenden) sind geschniegelt und gestriegelt, aalglatt, perfekt in jeder Hinsicht und versprühen diesen miefigen Kukident-Werbung-Charme krampfhaft dauergrinsender, nichtssagender Gesichter denen man am liebsten mit der Faust den letzten Schliff verpassen wollen würde. Währenddessen zählt das Phrasenschwein brav mit, wieoft denn nun im Verlauf der Sendung von allen möglichen Seiten gebetsmühlenartig wiederholt wird wie toll, super, spitze, awesome, fantastique, extraordinary, sensationell, unvergleichlich der Abend denn nun gewesen sei. Extrapunkte kriegt das Phrasenschwein falls erwähnt wird dass das nun wahrlich die besteste Show aller Zeiten gewesen sein müsse.

Gefinkelt ist auch die perfekte Art und Weise, mit der die blühende, alle Grenzbalken dieser Erde (der europäischen zumindest) niederreißende Multi-Kulti-Schiene forciert wird. Wohl ist der internationale Charakter dieser Veranstaltung sicherlich eines der größten Atouts selbiger, sieht man sich jedoch den beliebig austauschbaren Einheitsbrei an, der dort geflissentlich als Kunst serviert wird, so fragt man sich wo und wie denn nun eigentlich die Eigenheiten und Besonderheiten der Identitäten und Kultur des jeweiligen Landes zur Geltung kommen. Immerhin wurden heuer 20 der 25 Songs auf Englisch gesungen. Multi-Kulti in Reinkultur also. Aber ok, abstrahieren wir mal von diesem Umstand der sprachlichen Quasi-Gleichschaltung, denn es gibt auch andere Möglichkeiten der Präsentation unterschiedlicher kultureller bzw nationaler Alleinstellungsmerkmale. Ohne die gestrigen Lieder gesehen zu haben (bis auf das Siegerlied) getraue ich mich jedoch zu behaupten dass man in so gut wie keinem einzigen Fall den Song-Beitrag einem Land zuordnen hätte können. Einheitsbrei eben. Satellite von Lena --> Russland? Ukraine? England? Zypern? Spanien? Ein paar Mal wird man ja raten dürfen.

Viele meinen, dass man das Ganze eben nicht allzu ernst nehmen dürfe. Ich bin der letzte der sich an einer derartige Herangehensweise stoßen würde, aber auch wenn ich den ESC als Trash-Event und also mit der nötigen (Selbst-)Ironie betrachte, ja nicht einmal dann erscheint das ganze erträglich. Wie soll man einer Ansammlung/Abfolge von abstrusen und wahnwitzigen pseudo-multikulturellen Bizzarerien auch nur irgendwie irgendwas abgewinnen können außer einem Gefühl des Fremdschämens?

Aus dieser erbärmlichen Not eine Tugend machen, das haben sich Grissemann und Stermann vorgenommen. Also begannen sie vor 15 Jahren, den Song Contest parallel zu moderieren (TV auf lautlos + FM4 einschalten) und vermochten somit dieser surrealen Veranstaltung und ihren Proponenten genau das zukommen zu lassen, was sie sich verdienen: beißenden Hohn, höhnischen Spott, spöttischen Sarkasmus, sarkastische Bissigkeit. Das ganze verpackt in wundersam-liebevolle Anekdoten, wie sie nur die beiden zu kreieren imstande sind.

Leider war dann 2002 Schluss damit. Eine große Fangemeinde wurde enttäuscht und niedergeschmettert zurückgelassen und muss seitdem ein Song Contest-loses Dasein fristen. Obwohl sich auf Facebook doch eine recht stattliche Zahl an Leuten gefunden hat, die sich ein Revival dieser ESC-Moderation wünschen. Traumhaft schöne Abende waren das damals, als man sich schon richtig darauf gefreut hat, S&G dabei zuzuhören wie sie denn nun diese Veranstaltung gewordene Obszönität mit geschmeidigen Boshaftigkeiten demontieren und vor allem dekonstruieren würden. Klingt reichlich destruktiv, nicht? Ist es auch. Und das ist gut so. Denn bei soviel Schwachsinn wird Boshaftigkeit zu Vernunft. Und der Musikantenstadl zu Kultur.

Photo credits: aktivioslo


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