29. Mai 2010

Gogol Bordello - Hinweggefegt vom Zigeuner-Tornado

Es war ja nicht das erste Mal. Dieses ist schon länger her, Herbst 2005, in der Arena. Ein Freund hatte mich ein paar Monate zuvor auf diese Band mit dem belustigenden Namen aufmerksam gemacht, ein Name, der so lächerlich klingt, dass man das ganze von Haus aus nicht so recht ernst nehmen will. Aber um Ernsthaftigkeit sollte es bei dem Ganzen ohnehin nicht gehen, wie ich später merken sollte.

Die Hörproben des damals aktuellen Albums "Gypsy Punks Underdog World Strike" wussten dann jedoch sehr zu gefallen und liefen dann zwar nicht in Dauer-Rotation, nisteten sich aber beharrlich auf meiner Playlist und am MP3-Player ein.

Dann kamen Gogol Bordello nach Wien, und nur durch Zufall erfuhr ich noch am Tag des Konzerts von selbigem. Irgendwie kamen ich und ein paar Leute dann doch zu Karten, und so fanden wir uns in einer ausverkauften Arena-Halle wieder und warteten gespannt darauf ob die Live-Performance mit den Studio-Versionen mithalten würde können.

Was dann kam versetzte mich (für die anderen vermag ich jetzt nicht zu sprechen, das Gefühl müsste aber ein ähnliches gewesen sein) anfangs in eine totale Schockstarre. Im positivsten aller nur möglichen Sinne.

Die schon in der Album-Version furiosen Stücke verwandelten innerhalb weniger Sekunden die Arena in ein brodelndes Tollhaus (und jeder, der die Arena kennt, weiß was das bedeutet) mit hunderten springenden, tanzenden und sich in Pogo-Schlachten austobenden Menschen. Ich war damals noch auf der Gallerie und sah dem Treiben von oben zu, wusste nicht wie mir geschah. Auf der Bühne wütete ein wahnsinniger Eugene Hütz gleich einer vollkommen entfesselten Naturgewalt. Die pure, elektrisierende Energie die von der Band und allen voran ihrem Frontman ausging muss man ohnehin zumindest einmal selbst am eigenen Leib gespürt haben. Da hüpft ein Hütz - ohne Rücksichtnahme auf Bühnenutensilien - wie eine Kreuzung aus Rumpelstilzchen und einem Tornado herum, fiedelt der großvatrig anmutende Teufelsgeiger Sergey Ryabtsev seine Violine in diabolisch-schmeichelhafter Manier, versprüht der immer jovial dreinschauende Akkordeonist Yuri Lemeshev noch am ehesten so etwas wie beruhigende Gemütlichkeit und sorgen die Trommlerinnen/Tänzerinnen Pamela und Elizabeth für noch mehr Zirkus-/Wahnsinnsstimmung. Schwer, da nicht vollends die Fassung zu verlieren.

War der erste "physische" Kontakt mit Gogol Bordello noch ein ziemlich dem "Zufall" geschuldeter, so waren es die folgenden 3 nicht. Beim Donauinselfest 2007 funktionierte die Magie zwar nicht ganz so wie in einer gestopften Halle, dafür kamen dann halt eben viele viele tausend Menschen in den Bann des Gipsy-Tsunamis. Im Herbst desselben Jahres war dann wieder die Arena dran und gestern schließlich das Gasometer.

Gasometer deshalb, weil es größenmäßig eben der einzige missing link zwischen der relativ kleinen (aber in punkto Stimmung und Akkustik überragenden) Arena und der riesengroßen Stadthalle ist. Das ob seiner vor allem akkustischen Unzulänglichkeiten verschrieene "Schasometer" (diese Woche versuchte man sich  bei FM4 in einer "Ehrenrettung" der BACA-Halle) hatte gestern einen ausgezeichnete Tag, weder ich noch anders positionierte Leute aus meiner Entourage konnten von schlechter Soundqualität berichten.

Die Zustände und Gefühle, die einen während eines Gigs überkommen, sind - wie könnte es auch anders sein - schwer in Worte zu fassen und ändern sich auch je nach der eigenen Platzierung im Publikum; denn natürlich ist das Chaos in den etwa 12 ersten Reihen etwas gänzlich anderes als das was drum herum geschieht. Als jemand, der nichts gegen ein wenig Konzert-"Action" hat und zwecks Verarbeitung der durch eine Band erzeugten Energie physisch geradezu aktiv sein MUSS, blieb mir - wie bei den beiden vorangegangenen GB-Auftritten - natürlich nichts anderes übrig als mich in das Getümmel der erst genannten Gruppe zu begeben. Die Hiebe in die Rippen, die Tritte auf Füße und Schienbeine, die gelegentlichen Schläge ins Gesicht, verschüttetes Bier auf der Kleidung und der literweise fließende Schweiß (den man ja ohnehin selber auch mitproduziert), das alles mag zwar nicht wirklich erstrebsam erscheinen. Aber diese hüpfende, tanzende, ausflippende Menschenmasse trägt permanent dieses Lachen im Gesicht, jenes der kindlichen, unverdorbenen Sorte, das sich nicht um den potentiell peinlichen Charakter der ganzen Situation schert, weil das schlichtweg wurscht ist.

Man kann einfach nicht anders. Nicht nur die Protagonisten on stage, nein, vor allem die Musik kontrolliert Seele und Körper. Der dramaturgisch gefinkelte Aufbau der meisten Lieder ist mitunter sicherlich auch auf diesen Effekt hin ausgerichtet, appelliert an tiefste animalische Instinkte. Es ist wie eine Art Voodoo-Zigeuner-Zauber, der einen geradezu nötigt sich so zu gebärden. Man ist der Musik ausgeliefert. Und man lässt sich treiben. Treiben in dieser sich in Trance befindenden Menschenmasse, innerhalb derer die Körper dank des alles und jeden überdeckenden Schweißfilms ziemlich friktionslos in- und aneinandergleiten können. Die schwülstige, an Sauerstoff nicht wirklich reichhaltige Luft tut das Übrige.

Dass dieser selbstverschwenderische, physisch alles abverlangende Zustand der Extase mit Ende des Konzerts einen riesengroßen Haufen ausgelaugter, verschwitzter und leicht verstört wirkender Kreaturen (à la "was ist da heute passiert?") hinterlässt ist somit verständlich. Ich selbst werde mir da erst des Amalgams aus Schweiß, Bier und Rotwein (Hütz trinkt den gern während der Vorstellung und "verschüttet" gelegentlich ein bissl was davon ans Publikum) bewusst, das meinen Körper bedeckt und meine Kleidung bis auf die Unterwäsche durchtränkt. Einerseits grindig. Andererseits vollkommen unbedeutend im Vergleich zur seelisch reinigenden, geradezu kathartischen Wirkung des in den vorangegangenen 2 Stunden geschehenen. Daher auch überall trotz totaler Verausgabung nur lächelnde Gesichter. Glückliche Gesichter.

Das war jetzt nun mein 4. GB-Konzert, und wahrscheinlich auch mein letztes. Denn diese Magie lässt sich nicht bis in alle Ewigkeit auf Abruf perpetuieren. Schon gestern habe ich gefühlt, dass der Höhepunkt der "Live-Erfahrung Gogol Bordello" überschritten scheint. Und wenn man's allzuoft wiederholt, dann könnte auch die Erinnerung an frühere Konzerte darunter leiden. Jedem anderen kann ich nur empfehlen, sich das zumindest einmal zu geben. Vielleicht nicht unbedingt an "vorderster Front", aber das ist nicht das wichtigste. Ich habe schon einige "konvertiert". Keine/r hat's bereut. Und wen die Bezeichnung "Gipsy Punk" abschreckt, dem sollte man dieses Video zeigen, in dem der gemeinsame Auftritt von Madonna und Hütz/Ryabtsev beim Live Earth 2007 im randvollen Wembley zu sehen ist. Also wenn die Mainstream-Queen Madonna dermaßen auf den Gogol Bordello-Style abfährt (sie drehte dann auch noch einen Film mit Hütz), dann kann das wohl nicht gar so schlimm sein, oder?

Anspieltipps: Not a Crime, Mishto, Start Wearing Purple,

Hier ein Review zum Konzert.

PS: Scheiss auf das zuvor Geschriebene, wenn sich die Gelegenheit bietet bin ich natürlich wieder live dabei!

Photo credits: gogolbordello.com


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