6. Juli 2010

Antisemitismus als Brückenbauer für gespaltene Persönlichkeiten

[Dieser Beitrag ruhte jetzt etwa 2 Wochen in der Blog-Pipeline, war schon zu 80% fertig, ist Zeitmangel und Vergesslichkeit zum Opfer gefallen, und wurde heute durch zwei Artikel wieder in Erinnerung gerufen]

Der Feind meines Feindes ist mein Freund - Zitat
Der Feind meines Feindes ist mein Freund, auch wenn er ebenfalls mein Feind ist, aber weniger als der andere Feind - Zitat Ergänzung

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie facettenreich Antisemitismus sein kann. Sei es etwas scheinbar banales wie der Song Contest (hier der vieldiskutierte Beitrag im MARXblog) oder der Besuch eines österreichischen Politikers bei  den lästigen Shoa-Überlebenden; sei es der Zwischenfall rund um die Gaza-Flottille und einen Haufen nützlicher Idioten, die sich vor den Propagandakarren vernichtsungsantisemitischer Islamisten haben spannen lassen; auf der Suche nach ihrem Ressentiment Genugtuung verschaffenden Manifestations- und Kanalisierungsmöglichkeiten waren Antisemiten noch nie besonders wählerisch.

Dies spricht für die unbändige Kraft dieses Ressentiments, das (neben Faktenresistenz und gar -renitenz) auch weitere Nebeneffekte mit sich bringt. Zum Beispiel vermag es Menschen, Gruppierungen, ja sogar ganze Ideologien zusammenzubringen, die sich ansonsten spinnefeind sind. Antisemitismus als Brückenbauer? Schauen wir uns das einmal näher an, und zwar anhand der 3 großen Gruppen, die man als die "üblichen Vedächtigen" bezeichnen kann wenn es um Antisemitismus geht: Rechte/(Neo)nazis, Islamisten, extrem Linke.

Rechte + Islamisten

Sehr interessant hierzu der Beitrag auf ARD. Linke, Islamisten und Rechte auf einem Schiff. Zwar ist dies hier ein sehr punktiertes Beispiel, es gibt allerdings noch zahlreiche andere. Bei der Holocaustleugner-Konferenz in Teheran im Dezember 2006 fand sich auch einschlägige österreichische Prominenz ein: der Staranwalt der rechtsextremen Szene Herbert Schaller (dessen Klientel reihenweise Verurteilungen wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz ausfasst), der ehemalige Wiener FPÖ-Bezirksrat Wolfgang Fröhlich (verurteilt wegen Wiederbetätigung, suchte daraufhin Zuflucht in der iranischen Botschaft; seine Rede in Teheran zog er zurück, da noch eine Bewährungsstrafe wegen Wiederbetätigung offen war), sowie Hans Gamlich (dem wegen eines Holocaust leugnenden Beitrags in Andreas Mölzers "Zur Zeit" der Prozess gemacht wurde). Beispiele für Kooperationen zwischen den beiden Lagern gibt es genug.

[Hoppala, ich merke grad dass das ziemlich lang werden könnte. Ich werde die Zahl der Beispiele reduzieren und mich generell kurz zu halten versuchen]

Bemerkenswert: Rechte und Neonazis sind Muslimen gegenüber in der Regel nicht besonders freundlich gesinnt. Die (auch in Urteilen gegossene) Hetze gegen Muslime von Seiten von FPÖ-Politikern, die zahlreichen entsprechenden Statements, Wahlkämpfe, etc. sind bekannt. So wird auch in rechten Publikationen einerseits "Daham statt Islam!" gepredigt, während ein paar Seiten weiter "USrael" angeprangert wird, das sich ja - zwischen den Zeilen soll das ja rüberkommen - gar schändlicher verhielte als das von den (Groß)vätern und -müttern wenn schon nicht geförderte, so doch zumindest nicht verhinderte (doch nicht-)1000-jährige Reich.

Aber der Entschuldungsdrang von Geschehenem ist halt doch recht stark, und wann immer man dem Juden etwas vorhalten kann - je schlimmer, desto besser - wird man die Chance nützen. Und sei es um den Preis dass man sich mit den ansonsten zum Hassobjekt auserkorenen Muslimen solidarisiert.

Zu letzteren: warum fahren nun gerade diese Menschen auf Nazi-Ideologie ab, obwohl sie wohl seinerzeit unter dem von ihnen Angepriesenen kaum eine Chance auf Erfüllung bestimmter Herrenrassen-Kriterien gehabt hätten? Wahrscheinlich aus ähnlichen Gründen wie damals der Großmufti von Jerusalem.

Islamisten + Linksextreme

Die linke Szene ist ja - trotz der üblichen, vor allem im politischen Diskurs anzutreffenden - Verallgemeinerungen alles andere als homogen. Bei der Anti-Bush-Demo 2006 zB gab es gar 2 getrennte Aufrufe, weil sich trotz manifester Antipathie gegenüber Bush nicht jeder mit dem "Widerstand" solidarisieren will, sei er nur im Irak (dazu später mehr) oder in den palästinensischen Gebieten beheimatet. Ja, es gibt sie, die Linken, die in den fundamentalistischen Terroristen von Hamas und Co (die Hamas steht hochoffiziell auf der EU-Liste der Terrororganisationen) einen Partner gegen Imperialismus und Kapitalismus sehen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: man heftet sich Antifaschismus, Antirassismus, Gleichberechtigung und Feminismus auf die Fahnen, geht dann aber - programmatisch wie physisch - Hand in Hand mit zutiefst faschistischen und rassistischen Regimen, die die Steinigung von Homosexuellen fördern und Frauenrechte als einen wahnwitzigen Wesenszug des dekadenten Westens betrachten.

Wenige wissen zB, dass die letztes Jahr kurzzeitig für Furore gesorgt habende Plattform "Gaza muss leben!" nicht von Palästinensern (oder gar Muslimen), sondern von der AIK (Antiimperialistische Koordination) ins Leben gerufen worden ist. Letztere ist laut der "Aktion gegen den Antisemitismus" als zutiefst antisemitisch zu klassifizieren.

Linke + Rechte

WAS???!!! Links und Rechts. Die beiden Enden eines (ohnehin nicht mehr ganz zeitgemäßen) (gesellschafts)politischen Spektrums?? Also Annette Groth von den Linken hatte kein Problem damit, mit Aktivisten einer von ihrer eigenen Partei als rechtsextrem eingestuften Gruppierung gen Gaza aufzubrechen. Warum denn auch, ihre Partei hat ja ebenfalls keine Berührungsängste mit der nationalistischen Milli Görüs wenn es um den Nahostkonflikt geht. In Wien wiederum demonstrieren linksextreme Antiimperialisten zusammen mit den nationalistischen und teilweise als rechtsextrem eingestuften Grauen Wölfen.

Sonstiges

Auch auf vielen anderen Ebenen führt der "Jude" zu seltsamen und sonst sicherlich unmöglichen Allianzen. So wird die sunnitische Hamas vom schiitischen Iran unterstützt; dabei sind gerade erst in den letzten Jahren tausende Menschen im Irak dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zum Opfer gefallen, die beiden bestimmenden Strömungen des Islam hassen sich grundsätzlich wie die Pest. Eingedenk dieses Faktums verwundert einen auch nicht die Meldung, Saudi-Arabien würde Israel im Fall des Falles den Luftraum für einen Angriff gegen den Iran öffnen. Denn auch hier gilt: der Feind meines Feindes..

In Wien kann der Gemeinderat innert kürzester Zeit parteiübergreifend zu einer einseitigen Verurteilung Israels überredet werden - noch bevor auch nur irgendwie ersichtlich sein konnte, was da eigentlich genau passiert ist im Rahmen dieser Kommandoaktion. Und in Deutschland kann sich zwar nicht einmal "auf den Mehrwertsteuersatz im Hotelgewerbe einigen", aber wenn es um Israel geht, dann herrscht schulterkloperische parteiliche (und parteiische) Einigkeit. In Malmö ergab sich letztes Jahr anlässlich eines Davis-Cup-Spiels zwischen Schweden und Israel eine heitere Koalition aus Linksextremen, Islamisten und Neonazis, die militante Aktionen ankündigte, woraufhin das Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden musste.


A propos Malmö: Weitgehend unbemerkt bleiben Berichte zu einem Exodus jüdischer Schweden, die sich gezwungen sehen ihr Land zu verlassen weil der Antisemitismus dort horrende Ausmaße angenommen hat. im liberalen Schweden, dem vermeintlichen Paradebeispiel für eine offene, liberale und tolerante Gesellschaft.


Es ist also interessant, verstörende Allianzen zu analysieren und aufzuzeigen, zu erklären was Feinde zu Freunden (nicht den eigenen, sondern untereinander) macht. Noch dringender scheint aber die Frage: wer ist denn nun der Freund der Juden bzw der Feind der Antisemiten? Die Antwort auf diese Frage dürfte - angesichts solcher beispielhafter Vorkommnisse wie in Malmö und im deutschen Bundestag - wohl weitaus kürzer ausfallen.


Photo credits: Kim Rötzel, Jonas Reis, indymedia,


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