1. Juli 2010

"Österreich ist frei?" - Der Tod von Hans Dichand und der österreichische Hang zum Autoritarismus

Ja, es geht zum Teil um den Tod des Hans Dichand. Aber nur vordergründig. Anlass für diesen Beitrag ist die jüngste Veröffentlichung folgender "Autoritarismus"-Studie, die zwar den Zeitraum 2004-2007 abdeckt, was jedoch nicht wirklich problematisch erscheint, da sich eine solche Studie auf Einstellungsmuster und Verhaltensweisen bezieht, die nur äußerst langfristig einer Veränderung unterliegen. Die Ergebnisse schlagen natürlich in die selbe Kerbe wie die vor einem Jahr publizierte Wertestudie.

Es hat mich sehr gejuckt und noch mehr gekribbelt. Ich hätte ja gern was schreiben wollen nach dem Tod des Alten von der Muthgasse, vor allem da er einer der maßgeblichsten und prägendsten Figuren Österreichs in den letzten Jahrzehnten war. Über seine faktische Macht, die vielen unerklärlich schien und die im Endeffekt nichts anderem als einem "Des Kaisers neue Kleider"-Phänomen entsprang. Seine Laissez-Faire-Attitüde im Hinblick auf antisemitische Tendenzen (da fallen mir gleich ein paar Ergüsse von Wolf Martin - der übrigens Wolfgang Martinek heisst, aber pfui deibl, klingt natürlich zu ausländisch - ein, Stichwort "ausgeschwitzt"), das bewusste Schüren von Angst, die aktive Forcierung eines hetzerischen Klimas gegenüber Minderheiten. Seine verklärende Sichtweise der Nazizeit (ohne jedoch die Nazis verherrlichen zu wollen, immerhin). Das Totschweigen des Kirchen-Missbrauchsskandals. Da gibt's noch vieles mehr.

Richtig große Erfolge konnte er schon lange keine mehr verbuchen: Schwarz-Blau vermochte er ebenso wenig zu verhindern wie die Wiederwahl Heinz Fischers (der über fast ein Jahr hinweg mit allem bombardiert worden war, was das Krone-Arsenal nur herzugeben imstande ist, und dessen Wiederwahl die Krone zu deligitimieren versuchte), sein Traum von der Pröll-Doppelspitze blieb ebenso ungehört wie seine Unterstützung für die ewiggestrige Barbara Rosenkranz (wo er immerhin noch zurückrudern konnte). Auch die Causa Plassnik kommt mir da noch in den Kopf. Oder das gefloppte Anti-EU-Volksbegehren. Auf der Habenseite konnte man natürlich den legendären Brief von Faymann/Gusenbauer an den Krone-Herausgeber verbuchen. Aber auch weniger offensichtliche Erfolge, wie zB die mediale Verhinderung der Krone-Doku "Tag für Tag ein Boulevardstück", die man so gut wie nirgendwo erhalten kann und nie im ORF ausgestrahlt worden ist - aus Angst vor der mächtigen Krone. Oder aber auch ihren Stellenwert in der Meinungsbildung (nona..), der ihr auch fette Einnahmen aus Inseraten sicherte.

Eine Figur also, der ich nichts anderes als Verachtung entgegenbringen konnte. Anfangs zumindest. Mit der Zeit erkannte ich, dass dieses Gefühl am Thema vorbei ging. Weil es nämlich den falschen traf. Natürlich war Hands Dichand ein Medien-Despot, mit all den grindigen Facetten und Episoden seiner Zeitungsmacher-Geschichte. Wie konnte er aber diese Macht aufbauen und über einen derart langen Zeitraum aufrechterhalten? Es hat doch keiner die Menschen gezwungen, der Kronenzeitung hörig zu sein, sich ihr zu unterwerfen.

Hier kommen die unterschiedlichen Autoritarismus-Studien ins Spiel. Grundtenor: der Österreicher hat ein (mehr oder weniger stark ausgeprägtes) Faible für den "starken Mann" und ist überdurchschnittlich anfällig für autoritäre Tendenzen. Wir kennen das eh alle, wenn wir - leicht verspielt-verklärend - von der Obrigkeitshörigkeit des Österreichers sprechen. Oder von dessen Blockwartmentalität. Das spielt hier alles mit hinein. Ich bin kein Psychoanalytiker à la Sigmund Freud oder Erwin Ringel (vor allem letzterer hat sich in der Analyse der Beschaffenheit der österreichischen Seele einen Namen gemacht) und vermag mich daher sicherlich nicht in einer mit zahlreichen Fachtermini gespickten Art und Weise auszudrücken. Aber ich will's einmal probieren.

Der Österreicher WILL gar nicht frei sein. Es entspricht nicht seinem Naturell. Er braucht autoritäre Strukturen. Er ist schwach. Bzw. er fühlt sich schwach. Vielleicht hat das etwas mit dem nachwirkenden und Phantomschmerzen erzeugenden Zerfall des riesengroßen Habsburgerreichs zu tun. Jetzt ist man halt vergleichsweise klein und mickrig. Und natürlich auch ein wenig feige. Daher wird der Österreicher auch niemals dem Opfermythos abschwören. Vranitzky hat es als erster Bundeskanzler vorzuexerzieren versucht. Ein paar Jahre später ruderte Schüssel zurück. Und auch die eingangs erwähnte Studie geht auf diesen Punkt der (vermeintlichen) Opferrolle ein, bzw der Einstellung der Österreicher in diesem Punkt. Opfer sein ist praktisch. Man entzieht sich eines Großteils der Verantwortung für das Geschehene. Man konnte halt nicht anderes, damals. Diese Abschiebung von Verantwortung und die bewusste Ablehnung sowie Negierung eines eigenen Entscheidungsfindungsprozesses, die diese Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit unnötig machen, das Verstecken hinter einer Autorität, durch die man alles mögliche ausleben kann ohne es sich nachher vorhalten lassen zu müssen, das zieht sich wie ein roter Faden durch die österreichische Seele.

"Der Österreicher buckelt nach oben und tritt nach unten" sagen schon seit jeher böse Zungen, und das nicht zu Unrecht. Denn das Verstecken hinter der Autorität, die Charakterschwächen auffängt, bündelt und auf ein Ziel projeziert führt in der Regel dazu dass Minderheiten zum Handkuss kommen. Sei es in Form einer "Sonderbehandlung" unter Hitler, sei es durch eine entsprechend ausgerichtete Blattlinie einer Kronenzeitung. Während der Österreicher sich als Spendenweltmeister bei "Nachbar in Not" und ähnlichem gerieren kann genießt die gegen den "Ausländer" und Konsorten agitierende Kronenzeitung einen dermaßen regen Zulauf dass sie von der Reichweite her als mächtigste Tageszeitung der Welt gilt - in Demokratien westlichen Zuschnitts, wohlgemerkt.

Dichand hat jedoch im Grunde genommen bloß eine massenhaft vorhandene Nachfrage bedient. Die Nachfrage nach einer Autorität. Diesmal eben in Form eines Nachrichtenmediums. Und so schaffte die Krone auf grandiose Art und Weise die Gratwanderung zwischen zwei vermeintlichen Gegensätzen: einerseits den Leuten aufs populistischste "nach dem Maul zu reden"; diesen Leuten auf der anderen Seite jedoch vorzugeben was sie wann und wie denken sollen. Eine perfekte Symbiose ergab sich somit, die viele Jahrzehnte überdauern und gedeihen konnte. Dichand wurde somit zu diesem "Über-Ich", das dem Österreicher nicht aufoktroyiert worden ist, sondern das dieser sich unbewusst erschaffen bzw auserwählt hat. In der Blattlinie der Krone fand er sich wieder und konnte sich indirekt austoben, Sachen sagen und zum Ausdruck bringen, die er ansonsten niemals über die Lippen bringen würde. Ohne im nachhinein ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, schließlich hat's ja nicht er selbst gesagt, sondern eben die Krone!

Genauso wie die Themen der Krone und ihre Form der Berichterstattung ein Abbild der österreichischen Seele und ihrem Hang zum Autoritarismus darstellen, genauso war sie immer auch ein Sittenbild im Hinblick auf einen anderen dominanten Charakterzug des Österreichers: Heuchelei. Wie kann es sonst sein, dass der Kardinal seine kirchlichen Weisheiten nur wenige Schichten komprimierten toten Holzes vom barbusigen Mädel auf Seite 6 zum Besten geben kann? Wie sonst ist die spießbürgerliche Ausrichtung kombinierbar mit der Flut an Sex/Porno/Pfui-Deibl-Inseraten im hinteren Teil der Zeitung (darunter ein erstaunlich hoher Anteil an Schwulen-/Transen-Annoncen = Doppel-Pfui-Deibl!)? Das (für mich zumindest) prägnanteste Beispiel: die traditionell "Ausländer"-feindliche Krone bejubelt den eingebürgerten "Ausländer" Ivica Vastic nach seinem WM-Tor gegen Chile 1998 auf der Titelseite und erteilt sogleich der Einbürgerung im nachhinein den Sanktus: "Ivo, jetzt bist Du ein echter Österreicher"

Nun ist Dichand tot. Und alle sind sich einig dass er eine große Lücke hinterlässt. Nur ist diese Lücke meiner Meinung nach weitaus größer als man zu denken geneigt wäre. Wer wird nun die Rolle der kanalisierend-redundanten Autorität übernehmen? Die Krone mit den vermeintlichen Thronfolgern des Dichand-Clans? Schwiegertochter und vor allem Sohn sind vom journalistischen her nicht einmal als Nachgeburt Österreichs mächtigsten Hundestreichlers zu bezeichnen. Die WAZ wiederum hat nach dem jahrelangen Gezänk rund um die Krone-Anteile sehr gute Chancen endlich die Kontrolle zu übernehmen; dies schließt jedoch eine Weiterführung der bisherigen Blattlinie aus.

Wer wird also das neue Über-Ich, das der Österreicher so sehr braucht? Tipps?

Photo Credit: Bohmann,


.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen