26. Mai 2011

Fußball und Chaos - Das Wiener Derby als Tipping Point?

Rapid-Fans auf dem Vormarsch
Was hätte Elias Canetti dazu geschrieben. Der große Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger wohnte einige Jahre in nächster Nähe zur Spielstätte von Rapid, deren Fans ihn seinerzeit in vielerlei Hinsicht bei der Arbeit an seinem Werk "Masse und Macht" inspiriert hatten.

"Während der sechs Jahre, die ich dieses Zimmer bewohnte, versäumte ich keine Gelegenheit, diese Laute zu hören. Den Zustrom der Menschen sah ich unten bei der Stadtbahnstation. Es fällt mir schwer, die Spannung zu beschreiben, mit der ich dem unsichtbaren Match aus der Ferne folgte. Es waren zwei Massen, das war alles, was ich wußte, von gleicher Erregbarkeit beide und sie sprachen dieselbe Sprache. Manchmal saß ich während des Ereignisses am Tisch in der Mitte meines Zimmers und schrieb. Aber was immer es war, was ich schrieb, kein Laut vom Rapid-Platz entging mir. In Manuskripten jener Zeit, die ich bewahrt habe, glaube ich noch heute jede Stelle eines solchen Lautes zu erkennen, als wäre er durch eine geheime Notenschrift bezeichnet."
Am Sonntag wär Canetti wohl nicht weit gekommen mit seiner Notenschrift. Nachdem in den vergangenen Jahren die Grenzen des Geduldeten nach und nach widerstandslos verschoben worden sind brachte das vergangene Derby das Fass - scheinbar - zum überlaufen. Bilder wie diese sind ja an sich nichts neues, aber das Ausmaß der Destruktivität und Aggressivität ist - zumindest für österreichische Verhältnisse - ein Novum. Da werden eigene Spieler gestoßen, Raketen in den Sektor der Auswärtsfans geschossen und Polizisten am Spielfeld attackiert.

Überraschend? Mitnichten. Schon seit vielen Jahren bemerkt man eine steigende Gewaltbereitschaft der österreichischen Fanszene, eine Entwicklung, der man mit ebenso österreichischen wie wirkungslosen Mitteln beizukommen versuchte: relativieren, verharmlosen, große Worte spucken denen man dann keine entsprechenden Taten folgen ließ, unter den Teppich kehren, schönreden, mit dem Finger auf andere zeigen und guad is. Experten für diese Vorgehensweise finden sich vor allem bei Rapid, aber auch bei der Austria hat man in den letzten 2 Jahren durch Feigheit den Weg für allerlei Probleme freigemacht, die sich garantiert noch rächen werden. Eine Vorgehensweise, mit der sich beide Klubs auf Gedeih und Verderb in die Geiselhaft von ein paar gewalttätigen Chaoten begeben haben. Das "Gentlemens' Agreement" hierbei: wir liefern Stimmung und Support, bemühen uns halbwegs, das Image des Klubs nicht zu beschädigen, dafür lasst ihr uns in Ruh'.

Bei Rapid begann das Ungemach wohl mit dem Platzsturm im Freundschaftsspiel gegen Arsenal 2002, begleitet von einer spektakulären Gewaltorgie die hunderte Normalo-Zuschauer zur Flucht aufs Spielfeld zwang. Rapid-Präsident Edlinger kündigte damals schon an: "Wer identifiziert werden kann, wird auf Lebenszeit mit Stadionverbot belegt". Ganze 7 Hooligans erwischte es. Aus "Lebenszeit" wurde dann 1 Jahr, aus diesem einen Jahr wurden dann dank Amnestie 3 Monate und aus "Stadionverbot" wurde ein nicht exekutiertes Blabla, weil die Inkriminierten angeblich auch weiterhin im Stadion zu sehen waren.

"Toleranz" war das Rezept, mit dem vor allem Fan-Dompteur Andy Marek seine Horden bändigen wollte. Wie die aussah steht weiter oben geschrieben: relativieren, verharmlosen, (konsequenzenlose) Konsequenzen ankündigen, die Schuld auf andere Schieben und weinerliche Täter-Opfer-Umkehr betreiben. Schuld sind dann oft die provokativ agierende Polizei, ausländische Fans, schlecht konstruierte Tribünen, das frühere Verhalten eines gegnerischen Torhüters (Didulica). Dass die "zu wenig deeskalierende" Polizei meist Schuld trägt, das ist ja auch Präsident Edlingers Theorie, denn die schiere Präsenz der Exekutive ist ja schon geeignet, ansonsten friedliebende Chorknaben in nullkommanix in übelste Radaubrüder zu verwandeln. Die anderen sind Schuld. Wir können doch keine Erziehungsarbeit leisten. Und überhaupt gibt es im Hanappi-Stadion nie Probleme, sondern nur auswärts. So der Tenor der Führungsriege, sobald es wieder einmal brannte. Denn auch Rapid-Manager Werner Kuhn entblödete sich nicht, die Schuld an den Rapid-Fan-Ausschreitungen 2005 dem Austria-Tormann Didulica in die Schuhe zu schieben, Krawalle zu denen Andy Marek - abgesehen von Schuldabweisungen - nicht mehr einfiel als „Wir haben die Situation unterschätzt“.

Ratlos zeigte sich Marek dann auch 2006, als er und Peter Schöttel am Spielfeld von Fans gestellt, beschimpft, bedroht, angespuckt und mit Bier beworfen worden sind; er stellte sogleich in einem offenen Brief pathetisch-weinerlich die Frage "Woher kommt auf einmal diese Respektlosigkeit und dieser Hass?". Hmmm, ich weiß nicht, aber vielleicht gibt er sich ja im gleichen Text selbst die Antwort auf diese Frage, schließlich habe er die Adressaten "mit allen Mitteln, bei welchem Kritiker auch immer, sehr verteidigt".

Im Mai 2009 wollten ein paar hundert Rapidfans die von einer Auswärtsfahrt heimkommenden Austrianer am Westbahnhof "abholen". Eine Schlacht mit 6 verletzten Polizisten war die Folge, bis heute noch harrt der Gerichtstermin für die 93 angeklagten Rapidfans seiner Ansetzung.

Die über viele Jahre hinweg hochgelobte Fan-Politik von Rapid gilt somit als gescheitert. Edlinger streut Asche auf sein auf sein Haupt und wiederholt seine unverholenen Drohungen hinsichtlich der Verhängung von Stadionverboten. Aber auch wenn er vollmundig meint "Diese Fans sehen das Stadion nicht mehr von innen!", so darf man angesichts des bisher an Drohungen umgesetzten (siehe oben) zumindest daran zweifeln dass dies auch tatsächlich geschehen wird. Und Andy Marek? Tja, er gibt sich wiedermal selbst die richtige Antwort und bietet einen veritablen Offenbarungseid (nicht ohne sich abermals ein wenig in prophylaktischer, weinerlicher Opferpose zu gerieren). Man war halt "immer viel zu nett" und hat halt "immer viel zu lange zugeschaut". Tja, besser auf den Punkt bringen kann man's eigentlich eh nicht.

Unbehaglichkeiten der ähnlichen Sorte suchten Stadtrivalen Austria vor etwa 3 Jahren heim, mit dem Resultat, dass die neonazistische Schlägerbande "Unsterblich" seit 1,5 Jahren das Kommando über die Fantribüne übernommen und auch weiterhin inne hat. Auch hier spielt der Klub mit dem Feuer, lässt sich erpressen um auch ja seine Ruhe zu haben. Schließlich sind ja die Neonazi-Auswüchse von vor mehr als einem Jahr noch in bester Erinnerung, genauso wie der Platzsturm gegen Bilbao. Nicht nur das, man stellt sich auch noch dumm und meint, neonazistische Symbolik und Agitation nicht als solche zu erkennen.

Kurzum, die Moral von der Geschicht: Wegschauen, Feigheit, Spiel mit dem Feuer, Dauerbeschwichtigungen und all die anderen Alibi- und Ablenkungsmanöver verschaffen einem kurzfristig Ruhe: aber ein solcherart erkaufter Frieden ist immer ein trügerischer und nie und nimmer ein dauerhafter. Und rächt sich früher oder später unweigerlich. Und dann ist man plötzlich der Gefickte. Der letzte Sonntag als Tipping Point, der einen Umdenkprozess einleiten könnte? Wohl kaum. Angesichts des Track Records der Protagonisten wird sich nach kurzfristigem Aufhebens und medial allseits befeuerter Empörung wieder der Alltag einstellen. Bis zum nächsten Vorfall. Eine Frage der Zeit nur, bis es den ersten Toten gibt.


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