8. Mai 2011

Osama ist tot - und das ist gut so. Oder doch nicht?

Es gibt nicht viele (geo)politische Ereignisse, die eine prägende Wirkung auf die Menschen ihrer Zeit zu entfalten imstande sind. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 hätte für mich ein derartiges Ereignis darstellen können, wäre ich da nicht noch um ein kleines Alzerl zu jung gewesen um die gesamte Tragweite des Sturzes des Kommunismus zu erfassen und einordnen zu können. Der Anblick vieler Menschen, die voller Freude auf einer bröckelnden Mauer herumtanzten, das war für mich zwar schön zum Anschauen, aber richtig erschließen wollte sich mir die Bedeutung dieses Moments (trotz osteuropäischer, dem Kommunismus entflohener Eltern) da nicht wirklich. 2000 kam dann Schwarz-Blau und zum ersten Mal hatte ich - auch wenn sich's ja bloß um den kleinen österreichischen Mikrokosmos handelte - das Gefühl, dass hier etwas Bedeutsames (in diesem Fall natürlich im negativen Sinn) passiert war. Eine Zäsur, politisch wie auch gesellschaftlich, die dieses Land über die nächsten Jahre hinweg maßgeblich beeinflussen und nachhaltig verändern sollte.

Aber das war nichts gegen den 11. September 2001. Es gibt wohl niemanden, der sich nicht genau daran erinnern kann, auf welchem Wege er zum ersten Mal von den Anschlägen erfahren hat, niemanden der sich nicht an diese Momente zu erinnern vermag, an denen mit Menschen vollgepackte Flugzeuge in ihrerseits mit Menschen vollgepackte Riesentürme krachten; die Feuerbälle, die sich in Panik runterstürzenden Menschen, die vor Fassungslosigkeit schockerstarrten Gesichter der Menschen vor Ort; und schließlich der an die Endsequenz von Fight Club gemahnende Einsturz der Türme, die in einer riesigen Staubwolke verschwanden und tausende Menschen unter sich begruben.

Der 11. September läutete den Krieg gegen den islamistischen Terrorismus ein und markierte wohl einen Höhepunkt im Huntington'schen Clash of Civilizations. Der vernichtende Angriff auf das Herz dessen, was man gemeinhin als die "westliche Welt" bezeichnet, war eben nicht nur ein Angriff auf die USA: es war eine Kriegserklärung an die gesamte westliche Wertegemeinschaft. Mehrere weitere Anschläge sollten folgen. Bali, Marokko, Saudi-Arabien, London, Madrid, Irak, etcetc. Christen, Juden, Muslime (Schiiten und Sunniten) - egal, Hauptsache viele Tote.

[hier eine Liste der Al-Kaida zugeschriebenen Anschläge]

Nun ist er tot. Osama Bin Laden, das Symbol dieses bestialischen Kriegs gegen alles was sich Al-Kaidas Vorstellungen eines die Welt beherrschenden kruden Steinzeitislam in den Weg stellt, ist nicht mehr. Und das ist gut so. Natürlich wird der islamistische Terrorismus dadurch nicht elimiert werden (welch naive Vorstellung). Denn Al-Kaida, diese amorphe Franchise-Terrororganisation mit flacher Hierarchie, ist schon längst zum Selbstläufer geworden; man bietet Know-How und Trainingsmöglichkeiten an und inspiriert weltweit Organisationen, die sich Al-Kaida verbunden fühlen, jedoch vollkommen eigenständig agieren. Nichtsdestotrotz war Bin Laden dennoch in der Planung weiterer Anschläge involviert, wie die - zur Zeit zugegebenermaßen doch recht spärlichen - Berichte rund um die in seinem Refugium sichergestellten Beweise erkennen lassen.

Freude in vielen Teilen der Welt - allen voran den USA - folgte dieser Meldung. Wenn das operative wie spirituelle Oberhaupt einer wahnsinnigen und barbarischen Massenmörderbande nicht mehr lebt, dann ist das auch vollkommen verständlich und gerechtfertigt.

Kurze Zeit später kamen sie jedoch herausgekrochen. Jene Stimmen, die der Welt erklären wollen, dass man erstens Osama nicht hätte töten dürfen und zweitens dass man sich über dessen Tod nicht freuen dürfe.

Gut, Andreas Mölzers Position zu dieser "gezielten Tötung" ist ja nicht verwunderlich, man braucht ja nur randomly eine Zur Zeit oder die dortigen Literaturempfehlungen aufzuschlagen und erkennt, dass der rechte Rand recht wenig Sympathie für die USA übrig hat, schließlich ist man ja gegen Kapitalismus, Globalisierung und die Ostküste; und letzten Endes wird man den Amerikanern nie wirklich verzeihen können, dass sie die ideologischen Vorfahren des Dritten Lagers (deren Niederlage gerade eben wieder betrauert wurde) besiegt haben, die sich ja unter anderem in ihren Lagern auf "gezielte Tötungen" der etwas anderen Art spezialisiert haben.

Richtiggehend widerlich hingegen der Kommentar von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, den sowohl die Tötung, als auch die Freude darüber und überhaupt die USA anekeln. "Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt?" fragt er naiv. Ich denke, der Erleichterung über den Tod des Kopfes der blutrünstigsten Terrorgruppe der Welt Ausdruck zu verleihen ist ein Zeichen für einen funktionierenden Wertekompass und nichts weswegen man sich schämen bräuchte, geschweige denn zum Psychiater gehen müsste. Diese Erleichterung interpretiert er als Rachsucht und Genugtuung. Für einen kleinen Teil der Jubelnden mag das zwar zutreffend sein, aber auch das wirkt weniger krank als Schönenborns Amerika-Hass. "Die USA sind ein Land, das sich heute nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage anderer" ist der Versuch eines schlüssigen Satzes, dessen vermeintliche Logik im Endeffekt bloß Nonsens ist; denn wenn man einen Krieg aufoktroyiert bekommt und dann Tod und Niederlagen des Feindes anstrebt, dann ist das wohl natürlich, vor allem angesichts eines aberwitzig monströsen Gegenparts, der die gesamte Welt mit einer Hardcore-Auslegung des Islam überziehen und alle Ungläubigen tot machen will. Statt sich einfach ein wenig darüber zu freuen dass die Amerikaner wieder ein wenig Drecksarbeit erledigt haben (die Familien der 14 in Djerba von Al-Kaida ermordeten Deutschen werden es bestimmt) wird dann auch noch - Chuzpeh! - der Bin Laden-Tod als schon vorentscheidende Finte für den anstehenden US-Wahlkampf gedeutet.

In eine ähnliche Richtung geht dieser entbehrliche Beitrag im Guardian, der nicht nur schon wieder eine verquere Vorstellung davon präsentiert, wie man denn nun angesichts des Todes des bedeutendsten Terrorpaten der vergangenen Jahzehnte fühlen sollte. Auch spannt die Autorin akrobatisch den Bogen zum "arabischen Frühling", und warum sich die Amerikaner nicht auch diesbezüglich in kindischen Siegesfeiern austobten. Und ihre Ansicht, Bin Ladens Tod würde überall in der muslimischen Welt für Erleichterung sorgen ist angesichts zahlreicher gegenteiliger Reaktionen (wie zB der Hamas oder einiger tausend "Trauernden" in Istanbul) ebenfalls Schwachfug und Zeichen einer verzerrten schwarz-weiß-Sicht dieser Welt.

[Dass man sich als frommer Mensch nicht über den Tod eines anderen Menschen freuen dürfe widerspricht im übrigen der Heiligen Schrift selbst, wie dieser Kommentar recht gut zusammenfasst.]

Die Österreicher sind mit gewaltiger Mehrheit ebenfalls "erleichtert und finden es gut" dass Osama nicht mehr lebt (pfui!). Nichtsdestotrotz ist man auch hier zuallererst natürlich misstrauisch den Amerikanern gegenüber, denen man ihre Version nicht unbedingt abkauft, eine Mehrheit hätte gern ein Gerichtsverfahren gehabt und natürlich wollen alle die Videos sehen (wohl eher des Blutes und der Action als des Strebens nach Gerechtigkeit wegen).

Tja, wie schön wär die Welt, würden sich alle Terroristen einfach so vor ein Gericht stellen lassen! Bin Laden ist bei einem hochriskanten Kampfeinsatz getötet worden. Sowas passiert zuweilen in einem Krieg. Und eventuell stellt sich irgendwann einmal heraus dass die USA ihn tatsächlich ohne Muße abgeknallt haben. Derweil sollte man ihnen jedoch den benefit of the doubt zugestehen, zumal es nur spärliche Informationen zu der Kommandoaktion gibt. Dass dies scheinbar nicht einmal irgendwie möglich ist und man lieber auf pedantisch-aggressive und pseudo-ethisch/moralische Art und Weise das gesamte Völker-/Kriegsrechtsarsenal gegen die USA auffährt, sofort annehmend dass die USA lügten und das Ganze friedlich wie am Ponyhof hätte geklärt werden können, das spricht Bände über die Verlogenheit vieler Menschen, die sich klammheimlich darüber freuen dass jemand die Drecksarbeit erledigt (nicht zum ersten und sicherlich nicht zum letzten Mal), sich jedoch nicht und nicht von ihrem tief verankerten und verwurzelten Anti-Amerikanismus abbringen lassen können.

So nebenbei bemerkt: es ist gut, dass Bin Laden nicht vor ein Gericht gekommen ist. Denn trotz aller verschärften Terrorwarnungen nach der letztwöchigen Kommandoaktion ist die jetzige Bedrohung wohl nichts gegen jenen Freipressungsterror, der im Falle eines Prozesses mit Sicherheit zu erwarten gewesen wäre.


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