18. August 2011

Der "Israelische Sommer" - Wutbürger einmal anders

Nein, mit "Israelischer Sommer" sollen hier nicht die brütende Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit gemeint sein, die das ansonsten recht sonnige Klima (das muss nicht unbedingt etwas Gutes sein) des Mittelmeerlandes von Juli bis September in ein zuweilen unerträgliches Heißluftgebläse verwandeln; es ist eine von einigen Journalisten in Anlehung an die (de facto als gescheitert zu bezeichnenden) Aufstände des "Arabischen Frühlings" erfundene Wortkreation. Auch europäische Medien berichteten über die israelische Protestbewegung(en) der vergangenen Wochen in einem Ausmaß, wie man es in Bezug auf dieses Land nur im Kontext des alles andere vereinnahmenden und überdeckenden Nahostkonflitks kennt. Und müssen damit wohl einen großen Teil ihres Klientels gehörig verdutzt haben; schließlich höhlt der stete Tropfen den Stein, und somit assoziiert der durch eine entsprechende Medienberichterstattung konditionierte, durchschnittliche Europäer Israel gemeinhin mit Pejes und Bart tragenden ultraorthodoxen Juden (diese Gruppe macht knapp 10% der Bevölkerung aus, nichtsdestotrotz wird man so gut wie immer ein Foto eines Vertreters dieses Standes serviert bekommen wenn man in den Medien über ein Israel-Thema stolpert, und das ist eine politische und "rassische" (Um-)Definition, die den harmlosen Charakter eines Klischees massiv übersteigt und gefährlich ist), die nix besseres zu tun haben als Palästinenser in Freiluftgefängnisse/Konzentrationslager zu stecken und einen zionistischen Brutalo-Vernichtungskrieg gegen Araber zu führen. Es gibt wohl kaum ein Land, bei/nach dessen Besuch sich die Wahrnehmung von und Einstellung zu selbigem dermaßen radikal ändert wie bei/nach einem Trip nach Israel. Was aber weniger am Land selbst liegt, sondern an den fernab der Realität liegenden Erwartungshaltungen, die ja durch fernab der Realität liegende Formen der Berichterstattung begründet sind.

Welch Überraschung muss es sodann für die meisten standard.at-Surfer gewesen sein, als sie beim Durchsehen der Bilder zu den jüngsten Protesten (Teilnehmerzahl: um die 300.000) vollkommen "normale" Menschen erblicken mussten, die nicht wirklich was mit jenen Konstruktionen und Narrativen zu tun haben, die einem in nicht einmal homöopathischen Dosen zugeführt werden. Und nicht nur das: diese Menschen demonstrierten in Massen aus Gründen, die nicht einmal ansatzweise mit dem Nahostkonflikt zu tun haben. Letzterer hat natürlich eine Funktion als Totschlagargument im gesellschaftlichen Diskurs, wie sich gerade eben abermals nach dem Terroranschlag bei Eilat bestätigt. Natürlich besitzt das (kostenintensive) Überleben des jüdischen Staates in einem überwiegend todfeindlichen regionalen Kontext oberste Priorität, aber damit über alles andere hinwegwischen ist in einer offenen, modernen, aufgeklärten Gesellschaft einfach nicht drin.

Angefangen hatte ja alles mit einer auf Facebook initiierten Boykott-Aktion gegen maßlos überteuerten Cottage-Käse; geworden ist daraus mittlerweile nach mehreren Wochen eine von breiten Teilen der Bevölkerung getragene, massive Protestbewegung, die sich gegen ein ganzes Potpourri an Missständen richtet, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: das Leben ist zu teuer!

Die Cottage-Preise bzw die Proteste dagegen sollte hierbei ja nur paradigmatischen Charakter haben. Schaut man sich mal kurz um in Israel, dann kommt man drauf dass es hier nicht allzuviel gibt, das hier weniger kostet als in Wien.

Da wäre natürlich Obst und Gemüse. Und der Friseurbesuch. Und.. Tja, das war's, mehr fällt mir da ad-hoc nicht ein. Und das in einem Land, das ein BIP/Kopf von 27.000USD (vs. 46.000USD in Österreich) aufweist. Wer im Zentrum des Landes eine Wohnung mieten (von kaufen rede ich jetzt gar nicht einmal) will, der muss dafür tief in die Tasche greifen. 800 Euro für eine kleine Wohnung ohne jeglichen Anspruch in Tel-Aviv sind Usus. Auch die Betriebskosten lassen sich nicht lumpen: Wasser ist in dieser Region generell ein knappes Gut, Strom ist nicht zuletzt aufgrund der in den vergangenen Wochen erfolgten Anschläge auf die ägyptische Gas-Pipeline erneut teurer geworden (+10%). Autokauf in Israel? Wird mit einem der höchsten Steuersätze weltweit versüßt (etwa 100% des Kaufpreises). Telekommunikation? Entgegen seinem Image als High-Tech-Land sind die Kosten hier (kartellbedingt) um ein vielfaches höher als im zugegebenermaßen spottbilligen Österreich. Ähnliches gilt für Internet und die Kabel-TV-Betreiber. H+M, IKEA, ZARA: mindestens 20%-25% teurer (Ok, hier muss man importieren). Bankdienstleistungen? Sogar im Vergleich zum diesbezüglich rückständigen Österreich: teurer. Milchprodukte: (dank oligopolistischer Struktur des Marktes, wo die gleichen Produkte im Ausland um den halben Preis verkauft werden) siehe Cottage-Boykott. Im Sozialbereich sind die Diskrepanzen ähnlich groß. Beispiel Mutterschutz: in Israel inexistent, Frau arbeitet bis die Fruchtblase platzt, kann 3 Monate in bezahlte Karenz gehen, danach nochmal 3 Monate unbezahlt.

etc.

Alles "banale" Probleme, mit denen man sich auch in anderen (und mehr werdenden) Teilen der Welt auseinandersetzt. Aber auch der Ton macht die Musik. Während man in der jüngeren Vergangenheit desöfteren auf globaler Ebene unterschiedlichst motivierte Wutbürger-Proteste beobachten konnte, hoben sich die israelischen vergleichsweise durch ihre friedliche, positive, humorvolle Art hervor (und zwar sowohl von Seiten der Protestierenden, als auch der Behörden). Dies ist nicht nur für diese Region bemerkenswert, die zuletzt Demonstrationen gesehen hat, die Tausende das Leben kosteten (und noch immer kosten, siehe die andauernden Massaker in Syrien), sondern auch im globalen Kontext. Stichwort England. Stichwort wieder England. Stichwort Spanien. Stichwort wieder Spanien. Stichwort Griechenland. Stichwort Chile. Stichwort Deutschland. Nur in Portugal verliefen die von der Jugendprotestbewegung "Geracao a rasca" (Generation in der Klemme) initiierten Massendemonstrationen - ganz in der Tradition der Nelkenrevolution - friedlich.

Sieht man sich am symbolischen Knoten- und Siedepunkt der Proteste, der Zeltstadt auf dem Rothschild Boulevard, um bzw taucht in ihn ein, so erlebt man eine Bewegung der ganz eigenen Art. Keine Spur vom hedonistischen Tel-Aviv, das international einen Ruf als Party-Stadt "die niemals schläft" hat. Dem Protest wird auf kreative, künstlerisch-verspielte Art und Weise Audruck verliehen. Am Abend finden kleine (Spontan)Konzerte, Workshops, Lesungen, Diskussionsrunden und zahlreiche andere Aktivitäten verteilt entlang der Straße statt, überall findet man originelle Slogans vor. Leute spielen Gitarre, singen gemeinsam Lieder, basteln lustige Feen, und verbreiten jene "Summer of Love"-artige Athmosphäre, die den tölpelhaft die Billigsdorfer-Reaktionärskarte spielenden Kritikern der Proteste als Angriffsfläche dient ("das ist mehr Woodstock als Demo").

Woran mich all dies erinnert? An die #unibrennt-Proteste vom Herbst 2009, die rückwirkend betrachtet so etwas wie Avantgarde-(und leider nicht Vorbild-)Charakter gehabt haben. Auch da fühlte man sich durch den Audimaxismus samt all seiner Nebenprodukte motiviert, inspiriert, in einen Zustand des - eventuell leicht idealistisch-naiven, ansteckenden - Optimismus' versetzt. Auch dort sah man wie eine gesellschaftspolitisch vordergründig lethargisch wirkende Generation endlich aufmüpfig wurde, ein Arsenal an Mitteln und Methoden auffuhr, die das politische Establishment maßlos überforderten. Und auch dort agierten die Überforderten mit den gleichen hilflosen Klischee-Floskeln wie in Israel (Foto-Manipulationen à la Kronenzeitung gab's hier immerhin noch nicht).

[Wobei #unibrennt ja wahrscheinlich eh nur die Ausnahme von der Regel im noch immer konfliktscheuen, obrigkeitshörigen Österreich war, wie Anneliese Rohrer in ihrem neuen Buch suggeriert]

Spätestens der nächste aufoktroyierte, größere militärische Konflikt (in Israel ohnehin immer nur eine Frage des Wann und nicht Wenn; als aussichtsreicher Kandidat gilt hierbei der Monat September, für den die Palästinenser die Ausrufung ihres Staates angekündigt haben; wobei: angekündigte Revolutionen finden ja bekannterweise nicht statt) wird zeigen, welche Wirkung diese für Israel völlig neue Facette des gesellschaftlichen Lebens gehabt haben wird. Oder ob sich die Bewegung irgendwann einmal totlaufen bzw von der Regierung langsam eingeschläfert werden wird, ohne ihre Ziele erreicht zu haben (wie in Österreich geschehen).

Bis dahin lautet das Motto aber auch weiterhin: YES WE TENT!



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