19. Oktober 2011

Gilad Shalit: 1941 Tage, 1027:1, Schnitzel und Pommes

1.027:1. Nein, das ist nicht nur (plus-minus) der Wechselkurs des israelischen Shekels gegenüber dem paraguayischen Guarani. Es ist scheinbar auch der (durch die "Marktteilnehmer" festgesetzte) Wechselkurs für einen Israeli, gemessen in Palästinensern. Wobei es sich im einen Fall um einen vor 1942 Tagen auf israelischem Territorium entführten Soldaten handelt, während auf der anderen Seite die Crème de la Crème des palästinensischen "Widerstands" vorzufinden ist, 1.027 ZeitgenossInnen der teils übelsten Sorte, deren Widerstand so aussah, dass sie der Versuchung, israelische Zivilisten in höchstmöglicher Zahl umzubringen, nicht widerstehen konnten. 599 israelische Menschenleben gehen auf die Kappe dieser Freiheitskämpfer. Hier eine kleine Auswahl, wer sich die gesamte Liste zu Gemüte führen will wird hier fündig.

Es zeugt von einem sehr verschrobenen Selbstverständnis, dass 1.027 Palästinenser genauso viel wert sein sollen wie ein Abkömmling von Schweinen und Affen. Auch wenn es sich um Terroristen handelt. Die nichtsdestotrotz eine mehr als adäquate Behandlung erfahren haben. Die gestern befreiten Häftlinge sahen mehr als wohlgenährt aus und scheinen sich bester Gesundheit zu erfreuen. Womit auch die palästinensischen Behauptungen, israelische Gefängnisse böten schlimmere Bedingungen als die Juden in ihren "Auschwitzen" vorgefunden hätten, dramatisch widerlegt sein sollten. Aber auch so weiß man, dass viele palästinensischen Häftlinge in ebendiesen "Auschwitzen" ihren MA und PhD erworben haben bzw die Gelegenheit haben, entsprechenden Studien nachzugehen. Auf der anderen Seite hingegen sah man einen blassbleichen, aufs nötigst-reduktionistische abgemagerten Shalit. Ein Shalit, der noch vor seiner Überstellung zu einem absurden Interview genötigt wurde (das sogar Gudrun Harrer als "Schandfleck für Ägypten und seine neuen Medien" bezeichnete, den man "eher aus Gaza erwartet" hätte), und das mit Hamas-Schergen im Rücken.

Besser als gar nichts eigentlich, denn eigentlich hat ja keiner mehr wirklich damit gerechnet, dass  Gilad Shalit heimkehren würde. Und zwar nicht in einem Sarg, wie das bei den von der Hizbollah ebenfalls in Israel entführten Ehud Goldwasser und Eldad Regev der Fall war. Auch gab es heftigen Widerstand innerhalb Israels gegen diesen Tauschhandel (dem nichtsdestotrotz von 79% der Bevölkerung zugestimmt wurde). Natürlich vor allem vonseiten jener Menschen, deren Angehörige von auf der Liste angeführten Terroristen ermordet worden sind. Auch weiß man natürlich, dass sich durch diesen Deal Terrororganisationen in ihren Bestrebungen bestätigt und motiviert fühlen werden, weitere israelische Soldaten zu entführen. Deshalb ist es auch Teil des 1x1 im Umgang mit Terroristen, mit solchen gar nicht erst zu verhandeln, um nicht weitere Anreize zu bieten (viele machen's trotzdem, siehe Deutschland). Vielerorts stößt dieser Deal daher auf vollkommenes Unverständnis. Wie könne man so viele Mörder wieder laufen lassen, fragt sich die Presse zu diesem "absurden" Tausch.


Und überhaupt sehen viele Beobachter diese Aktion als ein Manöver Netanyahus, um einerseits vom sozialen Ungemach im eigenen Land abzulenken; und um andererseits einen weiteren Keil zwischen die Hamas und Abbas zu treiben. Die UN-Bestrebungen brachten letzterem einen Popularitätsaufschwung, an dem die Hamas nicht partizipieren konnte weil sie schlichtweg gegen diesen Antrag ist. Aus dem einfachen Grund, weil dadurch explizit Israel anerkannt würde, ein Umstand, der für die vernichtungsantisemitische Hamas ein absolutes No-Go darstellt. Nun hat die Hamas ihre Potenz unter Beweis gestellt und provoziert auch schon die Fatah. Natürlich steckte also auch politisches Kalkül dahinter.


Abseits dieser paradigmatischen Logik liest man aber ziemlich wenig über den Wert auch nur eines einzelnen Lebens, der letzterem im Judentum zukommt (und ich rede hier nicht vom religiösen Aspekt). Selten liest man etwas vom jüdischen Prinzip der Würde des Einzelnen, die kein einziges dieser Leben als verzichtbaren Bauern auf dem Schachbrett des Konflikts betrachtet.


Ein Umstand der sich auch bei militärischen Auseinandersetzungen bemerkbar macht. Auf der einen Seite Hamas, Hizbollah&Co, die Opfer unter der eigenen Bevölkerung (vulgo Schutzschild) nicht nur in Kauf nehmen, sondern diese zwecks medialer Ausschlachtung regelrecht suchen. Auf der anderern Seite die Israelis, denen im nachhinein immer wieder von allerlei möglichen Organisationen attestiert worden ist, dass sie eben keinen Völkermord betreiben, sondern Zivilisten nach Möglichkeit und im Rahmen des möglichen zu schützen versuchen.


[Mit "Organisationen" ist nicht die zur Lächerlichkeit verkommene Amnesty International gemeint, die sich in den vergangenen Jahren kein einziges Mal zur Entführung Shalits geäußert, gestern jedoch mit allerlei Nonsens zu Wort gemeldet hat]


Der Wert, ja die Würde des Einzelnen ist aber nicht bloß ein jüdischer Wert; er ist ein westlicher. Nicht erst seit "Saving Private Ryan" wissen wir, dass man auch bereit sein muss, zum Teil schmerzhafte Opfer zu bringen, wenn man diese Werte hochhalten will. Werte, die für eine kleine Gesellschaft wie der israelischen besondere Relevanz haben. 6 Millionen Juden inmitten eines immer feindlicher werdenden Umfelds, wo sich nun auch die Türkei aufgrund ihrer neuen regional- und geopolitischen Neuorientierung im Stil alter osmanischer Machtpolitik vollkommen von Israel verabschiedet hat, und das unter dem Diktator Mubarak stabile Ägypten zu einem failed state zu werden droht (fragt nach bei den Christen), dazu braucht es eine gefestigte Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die ihren Bürgern und vor allem ihren wehrdienstleistenden Soldaten klar zu verstehen gibt, dass niemand aufgegeben, niemand zurückgelassen wird. Vor allem in einer Gesellschaft, in der - notgedungen - Militär und Gesellschaft so eng mit einander verwoben sind wie sonst nirgendwo auf der Welt. Gilad Shalit hätte jedermanns Sohn, Bruder, Neffe oder Lebenspartner sein können.


In diesem Lichte erscheint das Verhältnis von 1.027:1 nicht mehr gar so grotesk. Der islamistische Schlachtruf "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" spiegelt diese Haltung präzise wider. Ein Menschenleben zählt im Kampf um den Endsieg genau null. Das wusste seinerzeit auch schon Golda Meir, als sie meinte: "Es wird erst Frieden geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen". Der Grund dafür, dass heute die meisten Beobachter 
dieses Tauschverhältnis mit heruntergelassener Kinnlade betrachten ist derselbe, der es ihnen unmöglich macht, das Dilemma Israels in diesem asymetrischen Konflikt zu verstehen und der dazu führt, dass Israel bei jedem Waffengang sofort an den Pranger gestellt wird, weil - wie von der Gegenseite erhofft - zivile Schutzschilder den aufoktroyierten Märtyrertod gefunden haben. Denn die Feststellung, die Hamas wäre militärisch "nicht zu besiegen" ist eine grundfalsche; natürlich wäre die Hamas militärisch zu besiegen, aber dann wären gleichzeitig die Hälfte aller Palästinenser in Gaza tot. Und ein solcher Sieg wäre für das die oben angesprochene Werte vertretende und hochhaltende Israel kein erstrebenswerter. 

Mag sein, dass dieser 1.027:1 Deal mittel- bis langfristig seine Opfer fordern wird; mag sein, dass er von vielen - und vor allem von Israels Feinden - als Zeichen der Schwäche wahrgenommen wird. Der Clou an der Sache: das Hochhalten der eigenen ethischen Prinzipien, der eigenen Wertvorstellungen, der eigenen Moral ist niemals ein Zeichen von Schwäche, kann es nicht sein. Auch wenn sie von faschistoiden Despoten als solche missinterpretiert wird. Auch wenn diese die Kraft, die Stärke unterschätzen, die eine Gesellschaft aus moralischem Handeln beziehen und entwickeln kann. 
Und so wird aus diesem unlogisch, absurd und gefährlich erscheinenden Deal letzten Endes ein humaner, moralischer, inspirierender und im Endeffekt rationaler und notwendiger. 

Derweil sei Gilad guten Appetit bei Schnitzel und Pommes gewünscht.


!ברוכים הבאים הביתה, גלעד





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Kommentare:

  1. Nettes pro-Israel Whitewashing.

    Klar kommt mein Beitrag nicht durch deine Zensur, aber eine Frage an dich - WO BLEIBT DIE OBJEKTIVITÄT?

    Es ist ja verständlich das man im Konflikt als pro-Israel Poster die Frage der Expansion (Siedlungen) ignoriert, aber bitte. Wieso inkludierst du das nicht und fokussierst lediglich auf Terror-Organisationen?

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  2. [sowas wie Zensur gibts hier nicht, außer es ist Trollerei der übleren Sorte, dann nehm ich mir das Recht heraus den Beitrag zu löschen. A priori Moderation gibt's hier eh nicht]

    1. Wenn du an Objektivität in welcher Art von Medien glauben, dann kannst du auch gleich an die Zahnfee glauben.
    2. Erhebt mein Blog keinerlei Anspruch auf welche Form von Objektivität auf immer, sondern spiegelt ganz und gar meine zutiefst subjektive Meinung wider, und das ist auch so im Impressum vermerkt. Das einzige Prinzip dem ich mich verpflichtet fühle ist jenes der Wahrheitstreue. Daher entsprechen alle von mir genannten Fakten nach bestem Wissen und Gewissen der Wahrheit und sind auch - wenn möglich - mit Quellenangaben unterlegt. Dass diese Fakten dann in Zynismus, Sarkasmus und einer tendenziösen Linie verpackt werden ist weder unredlich noch unzulässig. Willst du - unter dem Deckmantel von "Objektivität" lieber angelogen und verarscht werden oder gleich Tachles kommuniziert bekommen was Sache ist?

    3. Ich weiß nicht was du als "Whitewashing" bezeichnest (und ich wüsste jetzt auch nicht welchen Teil meines Beitrags du jetzt diesbezüglich konkret ansprichst). Israel wurde in den vergangenen Jahren mehrmals "weißgewaschen", nachdem es mehrmals voreilig an den Pranger gestellt worden ist (Hierzu http://www.edelman.at/2011/04/goldstone-revidiert-wen-interessierts.html). Das gilt für alle "Massaker"- und "Völkermord"-Vorwürfe genauso wie für den Flotilla-Vorfall (laut UNO sind sowohl die Blockade als auch der Übergriff legal gewesen).

    4. In diesem Beitrag ging es nicht um den gesamten Nahostkonflikt, sondern um die Episode Gilad Shalit und allem was unmittelbar dazu gehört. Kein Artikel/Blogpost/irgendwas wird sich der Gesamtheit des Nahostkonflikts annehmen können. Und nicht jeder Beitrag über diesen Konflikt kann sich mit dem Thema Siedlungen auseinandersetzen. Und Siedlungen haben genau null mit der Entführung von Gilad Shalit zu tun gehabt. Für die Hamas ist ganz Israel eine Siedlung und gehören alle Juden tot.

    Dennoch kurz meine Meinung hierzu: Siedlungen sind nicht der Grund warum es keinen Frieden gibt. Bei den 2000 von Arafat abgebrochenen Friedensverhandlungen waren sie nicht einmal irgendwie ein Faktor. Plötzlich sind sie ein KO-Kriterium. Desweiteren hat Israel vor ein paar Jahren in Gaza alle Siedlungen (die dort wirklich rein GAR NICHTS verloren haben) tlw mit Gewalt geräumt. Das Resultat ist eine dramatische Verschlechterung der gesamten Sicherheitslage, vor allem im Süden Israels. Außerdem gab es vor nicht allzulanger Zeit ein 10monatiges Bau-Moratorium im WJL. In diesen 10 Monaten hat sich Abbas original NULL bewegt, ist NULL weitergegangen. Verarschung pur. Aber dennoch stehen die Israelis wie die Blockierer und Sabotierer da.

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