16. November 2011

Triple-A, Ade!

AAA - nicht mehr lange
Als Normalo-Bürger müsste das ja einem doch recht seltsam vorkommen; da sah Frau Finanzminister Fekter in ihrer Budgetrede vor knapp einem Monat Österreich "für den rauen Wind" gut gerüstet. Möge rundherum die Welt zusammenbrechen, fest stehe jedoch: "die Republik ist auf sicherem Kurs, auch wenn die Zeiten auf hoher See härter werden sollten".

Das hört man gerne. Man fühlt sich ja gleich viel sicherer, wenn der mit pathetischen Metaphern um sich werfende Kapitän seiner Crew versichern will, dass man für alles vorgesorgt habe. Unabhängig von Poseidons Tsunami in der Ägäis; unbekümmert von Neptuns entfesselnden Untrieben zwischen adriatischem und tyrrhenischem Meer, und trotz all der anderen Unbillen im Zusammenhang mit der mittlerweile schon seit längerer Zeit schwelenden, auf immer mehr Länder überschwappenden Finanzkrise: das Schiff Austria ist weiterhin auf Triple-A Kurs, mia san mia, und überhaupt.

"Ratingagenturen sind dabei die Schiedsrichter, und wer die Spielregeln nicht einhält, bekommt die gelbe oder rote Karte" meinte Fekter weiter. Eine etwas vereinfachende Darstellung der Dinge. Denn die "Märkte" (hier ein netter Beitrag von vorgestern zu diesem abstrakten Begriff) verlassen sich schon lange nicht mehr auf den Rating-Fetisch wenn es um die Bewertung von Unternehmen/Staaten geht, und entsprechend sind auch die von den Staaten zu zahlenden Zinsen für neu begebene Anleihen Spiegel und Resultat der Risikoerwartungen der Marktteilnehmer. Beispiel? Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Österreich haben allesamt ein Triple-A; sie zahlen aber völlig unterschiedliche Zinssätze an den Märkten. Weil man das Risiko für ein Investment in österreichische oder französische Anleihen als riskanter einstuft als eines in deutsche oder holländische. Man hat aus der Vergangenheit gelernt und weiß, dass Ratingagenturen eigentlich nur den Trends hinterherlaufen, ihre Bewertungen erst post mortem umändern, wenn alles schon längst zu spät ist und man somit bei Investitionsentscheidungen keinen Deut auf ihre undurchsichtigen und mit überlanger Latenzzeit ausgestatten Einschätzungen geben darf.
AUT-GER 10y-spread (© Bloomberg)

Was nun das Fass zum überlaufen gebracht hat war die Entwicklung im Chart rechts, der die Prämie darstellt, die Österreich für seine Schulden im Vergleich zur Benchmark Deutschland zahlen muss. Dabei erkennt man dass der Anstieg zwar erst in den letzten Tagen an Rasanz gewonnen hat, der Trend allerdings schon seit längerem in Richtung Vertrauensentzug vonseiten der Märkte gegangen ist.

Es ist ja nicht so, dass es keine Warnungen gegeben hätte. Kritiker von außen und von innen hatten wiederholt auf die strukturellen Defizite der österreichischen Finanzgebarung hingewiesen. Die nun schon über Jahre hinweg erfolgenden vehementen und kritischen Äußerungen des Rechnungshofs waren nicht mehr als Kassandrarufe (eine Bankrotterklärung eines Systems, das die dem Rechnungshof zukommende Funktion als Korrektiv zu einem geradezu folkloristischen, zahnlosen Instrument verkommen hat lassen) und verhallten sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch erst recht in den Ohren der politischen Machthaber. Ich habe das Gefühl als würde ich den Begriff "Verwaltungsreform" schon von Kindesjahren an kennen, und ich glaube er wird mich auch bis zum anderen Ende meines Altersspektrums begleiten. Ich denke, die überwiegende Mehrheit der Österreicher nimmt dieses Wort gar nicht mehr wirklich wahr. Die "Verwaltungsreform" wird uns ja nun seit gefühlten Ewigkeiten in homöopathischen Dosen zugeführt, da regt sich nichts mehr. Die Grünen versuchen da mit dem konkreteren Begriff "Föderalismusreform" entgegenzusteuern. Ändern wird es wohl wenig.

Hier kann man aber genau so skeptisch sein wie hinsichtlich anderer krasser, seit Jahren aufgezeigten Missstände. Undurchsichtiges Förderungssystem. Neugebauer-Beton in der Beamtenschaft (Bitte dieses Bild zu Gemüte führen, ist das nicht einfach köstlich?). Frühpension mit 52. Und wenn wir schon dabei sind: generell Pensionen. Letztere stellen laut Bundesrechnungsabschluss 2010 den dynamischsten Kostenfaktor im Budget dar. Derweil machen Pensionen und Zinsen (vulgo: Kosten für die Vergangenheit) 40% der Gesamtausgaben aus. Bis 2015 werden diese laut RH um ein Drittel auf 30 Milliarden steigen.

Aber das alles sind keine Eisberge, die plötzlich wie aus dem Nichts vor unseren Kapitänen aufgetaucht sind. Was hier als jähe "Gefahr in Verzug" rüberkommt, wo man zurecht aus allem Wolken fallen dürfte, das sind alles Umstände über deren problematische Auswirkungen man schon seit vielen Jahren bescheid weiß.

Und wenn jetzt Vizekanzler Spindelegger daherkommt und rotzig-defensiv den "Meckereien" mit "Jetzt lassts uns einmal arbeiten!" begegnet, dann ist das nicht nur eine derbe Unverschämtheit, sondern auch ein krasses Eingeständnis der eigenen Untätigkeit bzw Unfähigkeit. Wer hat "euch" denn bisher daran gehindert zu "arbeiten"? Habt "ihr" nicht ein Regierungsmandat, das "ihr" nun schon seit 3 Jahren ausschöpft (und umgehend nach der Wahl von 4 auf 5 Jahre verlängert habt)? Warum verharrtet "ihr" denn in einem als solchen empfundenen, und ausschließlich Quasi-Stillstand bringenden permanenten prä-Wahlkampfmodus mit all dem intra-koalitionären Hickhack samt dazugehörender Klientel-Begattung? Oder wart "ihr" schlichtweg zu unfähig, die heraufdräuende Gefahr rechtzeitig zu erkennen? Noch vor nichtmal einem Monat hat "eure" Finanzministerin noch gar keine Unruhe erkennen lassen, ganz im Gegenteil. Seid "ihr" also tatsächlich bloß unfähig? Warum fährt "ihr" dann berechtigte Kritiker (="Meckeranten") an? Weil sie "eure" Unfähigkeit aufdecken und hinterfragen?

Der nächste Eisberg schwimmt eh schon seit einiger Zeit am Horizont. Die österreichischen Banken sind schon seit längerem im Alarm-Modus, jetzt geht es ans Eingemachte. Die Bank Austria verkündete vor wenigen Tagen grottenschlechte Zahlen und wird 800 Stellen abbauen; die Erste Bank gab schon vor einen Monat bekannt dass es aufgrund von Abschreibungen einen gewaltigen Verlust geben wird; die Volksbank ist schon seit längerem ein Zombie, ihr Ende (Pleite oder Verkauf) nur mehr eine Frage der Zeit. Wobei in Bezug auf die letzten 2 Institute meine Meinung jene ist, dass das schlimmste auf jeden Fall noch bevor steht. Beide haben ein gewaltiges Retailbanking-Engagement in Rumänien laufen. Samt einer erdrückenden Anzahl wackliger, in Euro denominierten Privatkredite, die man den Rumänen noch vor ein paar Jahren nur so nachgeworfen hat. Seitdem ich vor 2 Jahren auf diese Problematik hingewiesen habe war der Wechselkurs relativ stabil, und das ausschließlich aufgrund von Interventionen mit IWF-Geldern. Dieser Zustand wird nicht von Dauer sein, und die horrenden Abschreibungen der am rumänischen Markt extrem offensiv agiert habenden österreichischen Banken werden noch weitaus größere Ausmaße annehmen. Jenes Staatskapital, dem die meisten Institute anfangs bloß überhebliche Arroganz entgegenbrachten, wird nicht die letzte Kapitalspritze gewesen sein.

Desweiteren bin ich verwundert über die amateurhafte Berichterstattung zu dieser Krise. Die Begriffe "Spreads" und "CDS" (bzw deren deutsche Pendants) im Zusammenhang mit Österreich tauchten in den österreichischen Medien vor der Panikreaktion der Regierung überhaupt nicht auf. Erst in den letzten 2 Tagen konnte man sporadisch die eine oder andere dieser Begrifflichkeiten antreffen. Dennoch glaube ich kaum, dass sich viele österreichische Medienkonsumenten im Klaren darüber sind, was der Grund für die plötzliche Eskalation gewesen ist. Die "Märkte", Spekulanten, Griechenland, EU, die üblichen Sündenböcke/Verdächtigen halt. Einem solchen Publikum kann man einiges andrehen. Dass die vollkommen deplatzierte Maßregelung eines für die Misere Kraft seines Amtes Mitverantwortlichen unaufgeregt zur Kenntnis genommen wird, ist hierfür jedoch symptomatisch und verwundert somit nicht. Schuld am Vertrauensverlust der Märkte sind rein endogene, hausgemachte Faktoren.

Noch viel schlimmer (!): es wurden mit der Schuldenbremse große Taten angekündigt, konkret weiß man aber noch null. Auch nicht, ab wann denn nun die Implementierung der Maßnahmen erfolgen soll. 2012? Oder doch erst gemächlicher im Jahr 2013? Faymann hingegen warnt vor seinen Beamten davor "den Gürtel enger zu schnallen". Kennt sich da noch einer aus?

Ich fasse zusammen: Wir haben es mit beschwichtigenden Agierenden zu tun (Regierende schauen ganz anders aus), die so kurzsichtig sind, dass sie das offensichtliche bis zuletzt nicht wahrnehmen konnten, bzw bis vor kurzem noch alles Eitel Wonne für sie war. In einer überstürzten Reaktion wird viel zu spät die Schuldenbremse gezogen. Wie, wo und ab wann gespart werden soll, das weiß jedoch (noch?) niemand; die groben Strukturprobleme (va Verwaltung, Pensionen) werden wohl abermals nicht angesteuert werden, lieber ein paar populistische Maßnahmen wie die "Reichensteuer" einführen um dem Plebs das Maul zu stopfen.

Nicht verzagen, werte Meckeranten-Passagiere, Ihr Schiff ist in vielen guten Händen!


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