21. Mai 2012

Israel und Darabos - Unbeliebt und unerträglich

Norbert Darabos, auf Günther Grass' Spuren. Ein "Gedicht" ist dem österreichischen Verteidigungsminister nicht geglückt, schließlich hat man als Volksvertreter eine Message direkt und ohne Umschweife anzubringen, keine Zeit um sich hinter pseudo-intellektuellem Firlefanz zu verstecken. Darabos, dessen Beliebtheitswerte innerhalb der Truppe spätestens nach seinem offenen Krieg mit seinen Generälen unter ferner Liefen rangieren, braucht das Bad in der öffentlichen Zustimmung. Es gibt nicht viele Themen, mit denen man heutzutage Punkte in breiten Teilen der Bevölkerung sammeln kann. Als Regierungsmitglied gegen EU und Euro wettern? Als Sozialdemokrat gegen Ausländer zu Felde ziehen? Als Verteidigungsminister gegen Bankenrettungspakete opponieren? Alles keine Optionen.

Man kann es Norbert Darabos eigentlich kaum übel nehmen, dass er sich just Israel als Mittel zur Selbstaufpolierung ausgesucht hat. Spätestens seit den Ausfällen des deutschen Literaturnobelpreisträgers, dessen einseitige und überzogene Philippika gegen Israel Umfragen zufolge bei mehr als 70% der deutschen Bevölkerung Anklang gefunden hat weiß man, dass sich Attacken gegen den jüdischen Staat lohnen. Der grass-ierende Antisemitismus lässt sich ja auch in andere Zahlen fassen: so zeigt eine kürzlich erschienene BBC-Studie  auf, dass Israel weltweit an der dritten Stelle der Unbeliebtheitsskala steht, hinter dem Iran und Pakistan, wobei man sich den dritten Platz mit Nordkorea teilen muss. Immerhin.

Darabos meint zwar, die Drohungen Israels seien "entbehrlich", doch im Gegensatz zu Grass macht er sich nicht einmal die Mühe, die Vernichtungsdrohungen der Feinde des jüdischen Staates zu euphemisieren, sondern verschweigt diese zur Gänze. Grass nennt den unverholen mit der Vernichtung Israels drohenden Ahmadinejad immerhin einen "Maulhelden". Dabei schwadronieren die iranischen Machthaber wiederholt von der Beseitigung des "zionistischen Geschwürs", sprechen ihm regelmäßig jegliches Existenzrecht ab. Nichtsdestotrotz finden sich neben Politikern, die dies herzhaft ignorieren, auch regelmäßig Journalisten, die krampfhaft gegenteiliges zu beweisen versuchen.

So nutzte vor wenigen Wochen Georg Hoffmann-Ostenhof im Profil den überwiegenden Großteil seines Kommentars zur Kausa Grass zu einer abermaligen Verteidigung der vernichtungsantisemitischen Fantasien Ahmadinejads, und zwar mit der x-ten Richtigstellung des berühmten "Übersetzungsfehlers", der ja nur Teil einer "munter voranschreitenden" Dämonisierungspropaganda gegen den Iran sein kann. Es ist schon witzig: Kein iranischer Machthaber der jüngeren Vergangenheit hat aus seinen Ansichten zum "zionistischen Gebilde" ein Geheimnis gemacht; auf allen nur möglichen Ebenen wird Israel das Existenzrecht abgesprochen; desweiteren finanziert der Iran erwiesenermaßen andere vernichtungsantisemitische Terrororganisationen wie Hamas und Hizbollah; der von Hoffmann-Ostenhof vor der israelischen Propaganda in Schutz genommene Ahmadinejad wiederum spricht vor laufenden Kameras vom "Satan Israel" und beendet seine Friedensbekundungen mit "Tod Israel!".

Und eigentlich negiert Darabos ja die Gefahr iranischen Vernichtsungsdrangs nicht, nur jucken tut es ihn derweil halt nicht, weil die "iranischen Raketen haben noch nicht die Reichweiten, um Mitteleuropa zu gefährden". Sehr wohl haben diese Raketen die Reichweiten, um im Pulverfass Naher Osten einen "Flächenbrand" auszulösen. Tja, Pech gehabt. Und damit ist nicht nur Israel gemeint, sondern die gesamte Region. In dieses Bild passen die jüngsten Statistiken zum Thema Aufrüstung im Nahen Osten, die der Standard fälschlicherweise als Folge eines möglichen Konflikts zwischen Israel und dem Iran deutet. In der gesamten Region haben sich die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten dramatisch verschärft. Nachdem sich die beiden Strömungen des Islam in den vergangenen Jahren im Nahen Osten (vor allem im Irak) gegenseitig zu Tausenden umgebracht haben tobt zur Zeit eine besonders brutale Ausprägungsform dieses Kriegs in Syrien, wo die sunnitische Al-Qaida das im schiitischen Lager stehende Assad-Regime bekämpft. In Bahrain musste Saudi-Arabien militärisch heraneilen um schiitische Aufstände niederzuschlagen. Und nun eben die iranische Provokation gegenüber den Arabern. Den "Solidareffekt" zwischen Sunniten und Schiiten, wie Darabos ihn ventiliert, ist reine Illusion.

Aber dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellt, dessen waren sich die Europäer ja schon vor 10 Jahren gewiss und das ist auch heute noch so. Nicht die beiden schwerst verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan. Oder Nordkorea mit seinem Regime das nichts zu verlieren hat, und dessen Finger sehr locker am Abzug sitzt, wie der Angriff auf Südkorea vor 1,5 Jahren bewies. Oder der arabische Frühling, der die Machtverhältnisse in der gesamten Region auf den Kopf gestellt und (entgegen der naiven Hoffnungen europäischer Beobachter) ausnahmslos islamistische Kräfte an die Macht gespült hat. Während in Libyen auch weiterhin chaotische Zustände herrschen und in Ägypten in regelmäßigen Abständen dutzende Tote bei Konfrontationen zu beklagen sind. Das (all)tägliche Massaker in Syrien interessiert ohnehin keinen mehr. Und der oben angeschnittene schiitisch-sunnitische Konflikt wird auch weiterhin für viele Spannungen und Tote in der gesamten Region sorgen.

Natürlich wirkt selektive Wahrnehmung in der Berichterstattung hier verstärkend. Denn entgegen dem immerzu penetrant vorgetragenen Verfolgsungswahn von Antisemiten à la Grass, die sich ein ums andere Mal verfolgt sehen und sich von einer unsichtbaren Macht genötigt fühlen, ihre "israelikritischen" Meinung hintanzuhalten, nimmt Israel in der internationalen Berichterstattung locker den ersten Platz ein. Woran liegt das? An der Größe des Landes? Israel ist knapp größer als Niederösterreich und das Burgenland gemeinsam. An der Anzahl an Toten? Das seit mittlerweile mehr ale einem Jahr andauernde Massaker in Syrien hat mehr als doppelt so viele Menschenleben gekostet wie der israelisch-palästinensische Konflikt seit Beginn der 1. Intifada.

Nun schickt sich Darabos aber an, einen Konkretisierungsversuch zu starten. Die Politiker seien "radikal", die israelische Politik insgesamt "nicht nachzuvollziehen". Erster Punkt, DER Klassiker schlechthin, DAS vermeintliche Totschlagargument das von vielen "Kritikern" immer wieder geschwungen wird: Siedlungspolitik. Warum eigentlich genau? Bei den im Jahr 2000 von Arafat abgebrochenen Friedensverhandlungen waren Siedlungen nicht einmal irgendwie Thema. Plötzlich sind sie ein KO-Kriterium. Desweiteren hat Israel vor ein paar Jahren in Gaza alle Siedlungen teilweise mit Gewalt geräumt. Das Resultat ist eine dramatische Verschlechterung der gesamten Sicherheitslage, vor allem im Süden Israels. Außerdem gab es vor nicht allzulanger Zeit ein 10monatiges Bau-Moratorium im WJL. In diesen 10 Monaten hat sich Abbas keinen Fußbreit bewegt, ist nichts weitergegangen. Und dennoch stehen die Israelis wie die Blockierer und Sabotierer da. Und dass die israelische Politik für den Verteidigungsminister schwer nachvollziehbar ist, das wird an der Art und Weise liegen, wie das israelische Militär im Zuge der letzten Gewaltrunde im Süden des Landes verfahren ist: Israel, das sich wochenlang aus Gaza beschießen ließ, fuhr ein kostspieliges Raketenabwehrsystem auf um ja nicht die Leben palästinensischer Zivilisten durch eine Bodenoffensive gefährden zu müssen. Schwer nachvollziehbar, indeed. Kein Land der Welt würde das so handhaben.

Die von Darabos dargebrachte Mär von der Hochstilisierung der Feinde zur Ablenkung von sozialen Problemen im eigenen Land ist an Zynismus kaum zu überbieten. Denn sie übertreibt das Ausmaß der sozialen Probleme in Israel und euphemisiert die realen Bedrohungen vonseiten mit Vernichtung drohender Feinde. Ja, in Israel ist letzten Sommer ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen, der sich in Protesten hunderttausender Israelis gegen soziale Missstände manifestiert hat. Es waren friedliche, positive, kreative Proteste, bar jeder Gewalt; Proteste wie sie in jeder zivilisierten Demokratie stattfinden können und wie sie auch in Europa gang und gäbe sind - dort allerdings oft weniger friedvoll und gewaltlos

Dann wirds noch konkreter: der israelische Außenminister Lieberman sei "als Mitglied der israelischen Regierung unerträglich". Nun ja, derartige Worte wären zwar legitim, wären sie von Unerträglichkeitsbekundungen in Richtung anderer Politker in anderen Regierungen begleitet. Nun wäre mir bislang nicht einmal auch nur eine Wortmeldung des Verteidigungsministers zu ähnlichen Politikern - in Europa zB - zu Ohren gekommen; oder zu den Aufmärschen der neonazistischen Jobbik in seiner burgenländischen Heimat. Wenn es um Israel geht, da spielt plötzlich jeder Weltpolitik. So wie damals der Wiener Gemeinderat, der ad hoc einen antiisraelischen Beschluss zur Flotilla-Aktion zusammenschusterte noch ehe auch nur die ersten Fakten bekannt waren. Liebermans Äußerungen mögen zwar zumindest diskussionswürdig, oft gar skandalös sein; jedoch weisen sie relativ wenige Unterschiede zu Wortmeldungen europäischer Politiker vom rechten Rand auf. Und die israelische Demokratie ist stark genug, um rechtsextreme Politiker vom Schlage eines Lieberman zu ertragen, sowie sie auch stark genug ist um antizionistische arabische Abgeordnete in ihrem Parlament auszuhalten.

Heute distanzierte sich das Außenministerium zwar von den Äußerungen Darabos'. Aber diese Widerrede nahm dieser sicherlich bewusst und lächelnd in Kauf, denn das worauf es ihm ankam, das hat er erreicht: in den Postinghöllen österreichischer Online-Foren kann er sich vollster Zustimmung erfreuen. Dort, wo sich zu ähnlichen Themen ohne israelischen Konnex höchstens eine Handvoll Kommentare verirren, dort sprießen bei Artikeln zu Israel die Postings nur so hervor, und sie haben so gut wie immer einen "israelkritischen" Einschlag.


Photo credit: Mayer Bruno




1 Kommentar:

  1. Wieder, wier habem eine neu "geborene" Antisemit !

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